MANIFEST DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI (1848)

DAS MANIFEST DER  KOMMUNISTISCHEN PARTEI

Karl Marx & Friedrich Engels — 1848

Einführung NL

Ein Gespenst geht um in Eu­ro­pa – das Gespenst des Kom­mu­nis­mus. Al­le Mäch­te des al­ten Eu­ro­pa ha­ben sich zu ei­ner hei­li­gen Het­z­jagd ge­gen dies Gespenst ver­b­ün­det, der Papst und der Czar, Met­ter­nich und Gui­zot, fran­zö­si­sche Ra­di­ka­le und deut­sche Po­li­zis­ten.

Wo ist die Op­po­si­ti­ons­partei, die nicht von ihren re­gie­ren­den Ge­gnern als kom­mu­nis­tisch ver­schrieen wor­den wä­re, wo die Op­po­si­ti­ons­partei, die den fort­ge­sch­rit­te­ne­ren Op­po­si­ti­on­sleu­ten so­wohl, wie ihren reak­ti­onä­ren Ge­gnern den brand­mar­ken­den Vor­wurf des Kom­mu­nis­mus nicht zur­ück­ge­schleu­dert hät­te? Zwei­er­lei geht aus die­ser Thats­ache her­vor.

Der Kom­mu­nis­mus wird be­reits von al­len eu­ropäi­schen Mäch­ten als ei­ne Macht aner­kan­nt. Es ist ho­he Zeit daß die Kom­mu­nis­ten ihre Anschauungs­wei­se, ihre Zwec­ke, ihre Ten­den­zen vor der gan­zen Welt of­fen dar­le­gen, und den Mä­hr­chen vom Gespenst des Kom­mu­nis­mus ein Ma­ni­fest der Partei selbst ent­ge­gen­stel­len. Zu die­sem Zweck ha­ben sich Kom­mu­nis­ten der ver­schie­den­sten Na­ti­o­na­lität in Lon­don ver­sam­melt und das fol­gen­de Ma­ni­fest ent­wor­fen, das in en­gli­scher, fran­zö­si­scher, deut­scher, ita­lie­ni­scher, fläm­mi­scher und dä­ni­scher Spra­che ver­öf­fent­licht wird.

I. Bourgeois und Proletarier.

Die Ge­schich­te al­ler bis­he­ri­gen Ge­sell­schaft ist die Ge­schich­te von Klas­sen­kämp­fen.

Frei­er und Skla­ve, Pa­tri­zier und Ple­be­jer, Ba­ron und Lei­beig­ner, Zunft­b­ür­ger und Ge­sell, kurz, Un­ter­drüc­ker und Un­ter­drück­te stan­den in ste­tem Ge­gen­satz zu ei­nan­der, führ­ten ei­nen unun­ter­bro­che­nen, bald versteck­ten bald of­fe­nen Kampf, ei­nen Kampf, der je­de­s­mal mit ei­ner re­vo­lu­ti­onä­ren Um­ge­stal­tung der gan­zen Ge­sell­schaft en­de­te, oder mit dem ge­mein­sa­men Un­ter­gang der kämp­fen­den Klas­sen.

In den frühe­ren Epo­chen der Ge­schich­te fin­den wir fast über­all ei­ne voll­stän­di­ge Glie­der­ung der Ge­sell­schaft in ver­schie­de­ne Stän­de, ei­ne man­nich­fal­ti­ge Ab­stu­fung der ge­sell­schaft­li­chen Stel­lun­gen. Im al­ten Rom ha­ben wir Pa­tri­zier, Rit­ter, Ple­be­jer, Skla­ven; im Mit­tel­al­ter Feu­dal­her­ren, Vas­al­len, Zunft­b­ür­ger, Ge­sel­len, Lei­bei­ge­ne, und noch da­zu in fast je­der die­ser Klas­sen wie­der be­son­de­re Ab­stu­fun­gen. Die aus dem Un­ter­gan­ge der feu­da­len Ge­sell­schaft her­vor­ge­gan­ge­ne mo­der­ne bür­ger­li­che Ge­sell­schaft hat die Klas­sen­ge­gensät­ze nicht auf­ge­ho­ben. Sie hat nur neue Klas­sen, neue Be­din­gun­gen der Un­ter­drüc­kung, neue Ge­stal­tun­gen des Kamp­fes an die Stel­le der al­ten ge­setzt.

Un­se­re Epo­che, die Epo­che der Bour­geoi­sie, zeich­net sich je­doch da­durch aus, daß sie die Klas­sen­ge­gensät­ze ver­ein­f­acht hat. Die gan­ze Ge­sell­schaft spal­tet sich mehr und mehr in zwei große feind­li­che La­ger, in zwei große ei­nan­der di­rekt ge­gen­über­ste­hen­de Klas­sen – Bour­geoi­sie und Pro­le­ta­ri­at. Aus den Lei­bei­ge­nen des Mit­tel­al­ters gin­gen die Pfah­l­bür­ger der er­sten Städ­te her­vor; aus die­ser Pfah­l­bür­ger­schaft ent­wic­kel­ten sich die er­sten Ele­men­te der Bour­geoi­sie.

Die Ent­dec­kung Amerika’s, die Um­schif­fung Afrika’s, schu­fen der auf­kom­men­den Bour­geoi­sie ein neu­es Ter­rain. Der os­t­in­di­sche und chi­ne­si­sche Markt, die Ko­lo­ni­s­i­rung von Ame­ri­ka, der Austausch mit den Ko­lo­nien, die Ver­mehrung der Tauschmit­tel und der Waar­en über­haupt ga­ben dem Han­del, der Schiff­fah­rt, der In­du­strie ei­nen nie­ge­kan­n­ten Auf­schwung, und da­mit dem re­vo­lu­ti­onä­ren Ele­ment in der zer­f­al­len­den feu­da­len Ge­sell­schaft ei­ne ra­sche Ent­wick­lung.

Die bis­he­ri­ge feu­da­le oder zünf­ti­ge Be­triebswei­se der In­du­strie reich­te nicht mehr aus für den mit den neu­en Mä­rk­ten an­wach­sen­den Be­darf. Die Ma­nu­fak­tur trat an ihre Stel­le. Die Zunft­meis­ter wur­den ver­drängt durch den in­du­striel­len Mit­tel­stand; die Thei­lung der Ar­beit zwi­schen den ver­schie­de­nen Cor­po­ra­ti­o­nen ver­schwand vor der Thei­lung der Ar­beit in der ein­zel­nen Werk­statt selbst.

Aber im­mer wuch­sen die Mä­rk­te, im­mer stieg der Be­darf. Auch die Ma­nu­fak­tur reich­te nicht mehr aus. Da re­vo­lu­ti­o­nir­ten der Dampf und die Ma­schi­ne­rie die in­du­striel­le Pro­duk­ti­on. An die Stel­le der Ma­nu­fak­tur trat die mo­der­ne große In­du­strie, an die Stel­le des in­du­striel­len Mit­tel­stan­des tra­ten die in­du­striel­len Mil­li­onä­re, die Chefs gan­zer in­du­striel­len Ar­meen, die mo­der­nen Bour­geois.

Die große In­du­strie hat den Welt­markt her­ge­stellt, den die Ent­dec­kung Amerika’s vor­be­rei­tete. Der Welt­markt hat dem Han­del, der Schiff­fah­rt, den Land­kom­mu­ni­kat­io­nen ei­ne uner­meß­li­che Ent­wick­lung ge­ge­ben. Die­se hat wie­der auf die Aus­de­hnung der In­du­strie zur­ück­ge­wirkt, und in dem­sel­ben Maße, wo­rin In­du­strie, Han­del, Schiff­fah­rt, Ei­sen­bah­nen sich aus­de­hn­ten, in dem­sel­ben Maße ent­wic­kel­te sich die Bour­geoi­sie, ver­mehr­te sie ihre Ka­pi­ta­lien, dräng­te sie al­le vom Mit­tel­al­ter her über­lie­fer­ten Klas­sen in den Hin­ter­grund.

Wir se­hen al­so, wie die mo­der­ne Bour­geoi­sie selbst das Pro­dukt ei­nes lan­gen Ent­wick­lungs­gan­ges, ei­ner Rei­he von Um­wäl­zun­gen in der Pro­duk­ti­ons- und Ver­kehrs­wei­se ist.

Je­de die­ser Ent­wick­lungs­stu­fen der Bour­geoi­sie war be­glei­tet von ei­nem ents­pre­chen­den po­li­ti­schen Fort­sch­ritt. Un­ter­drück­ter Stand un­ter der Her­r­schaft der Feu­dal­her­ren, be­waf­f­ne­te und sich selbst ver­wal­ten­de As­so­ci­a­ti­o­nen in der Com­mu­ne, hier unab­hän­gi­ge städ­ti­sche Re­pu­blik, dort drit­ter steu­erp­flich­ti­ger Stand der Mo­nar­chie, dann zur Zeit der Ma­nu­fak­tur Ge­gen­ge­wicht ge­gen den Adel in der stän­di­schen oder in der ab­so­lu­ten Mo­nar­chie und Haupt­grund­la­ge der großen Mo­nar­chi­een über­haupt, erkämpf­te sie sich end­lich seit der Her­stel­lung der großen In­du­strie und des Welt­mark­tes im mo­der­nen Re­prä­sen­ta­ti­vstaat die aus­schließ­li­che po­li­ti­sche Her­r­schaft. Die mo­der­ne Staats­ge­walt ist nur ein Aus­schuß, der die ge­mein­schaft­li­chen Ge­schäf­te der gan­zen Bour­geois­klas­se ver­wal­tet.

Die Bour­geoi­sie hat in der Ge­schich­te ei­ne höchst re­vo­lu­ti­onä­re Rol­le ge­spielt.

Die Bour­geoi­sie, wo sie zur Her­r­schaft ge­kom­men, hat al­le feu­da­len, pa­tri­ar­cha­li­schen, idyl­li­schen Ver­hält­nis­se zerstört. Sie hat die bunt­s­chec­ki­gen Feu­dal­ban­de, die den Men­schen an sei­nen na­t­ür­li­chen Vor­ge­setz­ten knüpf­ten, un­barm­her­zig zer­ris­sen, und kein an­de­res Band zwi­schen Mensch und Mensch übrig gelas­sen, als das nack­te In­te­res­se, als die ge­fühl­lo­se „baare Zah­lung.“ Sie hat die hei­li­gen Schau­er der from­men Schwä­r­me­r­ei, der rit­ter­li­chen Be­geis­terung, der spieß­b­ür­ger­li­chen Weh­muth in dem eiskal­ten Was­ser egoi­sti­scher Be­rech­nung er­tränkt. Sie hat die persön­li­che Wür­de in den Tauschwerth auf­ge­löst, und an die Stel­le der zah­l­lo­sen ver­brief­ten und wohler­wor­be­nen Frei­hei­ten die Ei­ne ge­wis­sen­lo­se Han­dels­frei­heit ge­setzt. Sie hat, mit ei­nem Wort, an die Stel­le der mit re­li­giö­sen und po­li­ti­schen Il­lu­si­o­nen ver­h­üll­ten Aus­beu­tung die of­fe­ne, un­ver­schäm­te, di­rek­te, dür­re Aus­beu­tung ge­setzt.

Die Bour­geoi­sie hat al­le bis­her ehr­w­ür­di­gen und mit from­mer Scheu be­trach­te­ten Thä­tig­kei­ten ihres Hei­li­gen­scheins ent­klei­det. Sie hat den Arzt, den Ju­ris­ten, den Pf­af­fen, den Poe­ten, den Mann der Wis­sen­schaft in ihre be­zahl­ten Lo­hn­ar­bei­ter ver­wan­delt. Die Bour­geoi­sie hat dem Fa­mi­lien­ver­hält­niß sei­nen rührend-sen­ti­men­ta­len Schlei­er ab­ge­ris­sen und es auf ein rei­nes Geld­ver­hält­niß zur­ück­ge­führt.

Die Bour­geoi­sie hat en­th­üllt, wie die bru­ta­le Kraftäußerung, die die Reak­ti­on so sehr am Mit­tel­al­ter be­wun­dert, in der träg­sten Bä­ren­häu­terei ihre pas­sen­de Er­gän­zung fand. Erst sie hat be­wie­sen, was die Thä­tig­keit der Men­schen zu­stan­de brin­gen kann. Sie hat ganz an­de­re Wun­der­wer­ke voll­bracht, als egyp­ti­sche Py­ra­mi­den, rö­mi­sche Was­ser­lei­tun­gen und go­thi­sche Ka­the­dra­len, sie hat ganz an­de­re Zü­ge aus­ge­führt, als Vö­l­ker­wan­der­un­gen und Kreuz­z­ü­ge.

Die Bour­geoi­sie kann nicht exis­ti­ren, oh­ne die Pro­duk­ti­ons­in­stru­men­te, al­so die Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se, al­so sämmt­li­che ge­sell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se fort­wä­hrend zu re­vo­lu­ti­o­ni­ren. Un­verän­der­te Bei­be­hal­tung der al­ten Pro­duk­ti­ons­wei­se war da­ge­gen die erste Exis­tenz­be­din­gung al­ler frühe­ren in­du­striel­len Klas­sen. Die fort­wä­hren­de Um­wäl­zung der Pro­duk­ti­on, die unun­ter­bro­che­ne Er­schüt­terung al­ler ge­sell­schaft­li­chen Zus­tän­de, die ewi­ge Un­si­cher­heit und Be­we­gung zeich­net die Bour­geois-Epo­che vor al­len frühe­ren aus. Al­le fes­ten, ein­ge­ros­te­ten Ver­hält­nis­se mit ihrem Ge­fol­ge von al­tehr­w­ür­di­gen Vor­stel­lun­gen und Anschauun­gen wer­den auf­ge­löst, al­le neu­ge­bil­de­ten ver­al­ten, ehe sie ver­knöchern kön­nen. Al­les Stän­di­sche und Ste­hen­de ver­dampft, al­les Hei­li­ge wird ent­weiht, und die Men­schen sind end­lich ge­zwun­gen, ihre Leb­ens­stel­lung, ihre ge­gensei­ti­gen Be­zie­hun­gen mit nüch­ter­nen Au­gen an­zu­s­e­hen.

Das Be­d­ürf­niß nach ei­nem stets aus­ge­de­hn­te­ren Abs­atz für ihre Pro­duk­te jagt die Bour­geoi­sie über die gan­ze Erd­ku­gel. Ue­ber­all muß sie sich ein­nis­ten, über­all an­bauen, über­all Ver­bin­dun­gen her­stel­len.

Die Bour­geoi­sie hat durch die Ex­ploita­ti­on des Welt­markts die Pro­duk­ti­on und Kon­sum­ti­on al­ler Län­der kos­mo­po­li­tisch ge­stal­tet. Sie hat zum großen Be­dau­ern der Reak­ti­onä­re den na­ti­o­na­len Bo­den der In­du­strie un­ter den Füßen weg­ge­zo­gen. Die ural­ten na­ti­o­na­len In­du­stri­een sind ver­nich­tet wor­den und wer­den noch täg­lich ver­nich­tet. Sie wer­den ver­drängt durch neue In­du­stri­een, de­ren Ein­f­ührung ei­ne Leb­ens­fra­ge für al­le ci­vi­li­sir­te Na­ti­o­nen wird, durch In­du­stri­een, die nicht mehr ein­hei­mi­sche Roh­stof­fe, son­dern den ent­le­gen­sten Zo­nen an­ge­höri­ge Roh­stof­fe ver­ar­bei­ten, und de­ren Fa­bri­ka­te nicht nur im Lan­de selbst, son­dern in al­len Weltt­hei­len zug­leich ver­braucht wer­den. An die Stel­le der al­ten, durch Lan­de­ser­zeug­nis­se be­frie­dig­ten Be­d­ürf­nis­se tre­ten neue, wel­che die Pro­duk­te der ent­fern­tes­ten Län­der und Kli­ma­te zu ihrer Be­frie­di­g­ung er­hei­schen. An die Stel­le der al­ten lo­ka­len und na­ti­o­na­len Selbst­gen­ügs­am­keit und Ab­ge­schlos­sen­heit tritt ein all­sei­ti­ger Ver­kehr, ei­ne all­sei­ti­ge Ab­hän­gig­keit [6] der Na­ti­o­nen von ei­nan­der. Und wie in der ma­te­riel­len, so auch in der geis­ti­gen Pro­duk­ti­on. Die geis­ti­gen Er­zeug­nis­se der ein­zel­nen Na­ti­o­nen wer­den Ge­mein­gut. Die na­ti­o­na­le Ein­sei­tig­keit und Be­schränkt­heit wird mehr und mehr un­mög­lich, und aus den vie­len na­ti­o­na­len und lo­ka­len Li­te­ra­tu­ren bil­det sich ei­ne Welt­li­te­ra­tur.

Die Bour­geoi­sie reißt durch die ra­sche Ver­bes­se­rung al­ler Pro­duk­ti­ons-In­stru­men­te, durch die unend­lich er­leich­ter­ten Kom­mu­ni­kat­io­nen al­le, auch die bar­ba­risch­sten Na­ti­o­nen in die Ci­vi­li­sa­ti­on. Die wohl­fei­len Prei­se ihrer Waar­en sind die schwe­re Ar­til­le­rie, mit der sie al­le chi­ne­si­schen Mau­ern in den Grund schießt, mit der sie den hart­näc­kig­sten Frem­den­haß der Bar­ba­ren zur Ka­pi­tu­la­ti­on zwingt. Sie zwingt al­le Na­ti­o­nen die Pro­duk­ti­ons­wei­se der Bour­geoi­sie sich an­zueig­nen, wenn sie nicht zug­run­de ge­hen wol­len; sie zwingt sie die sogenan­n­te Ci­vi­li­sa­ti­on bei sich selbst ein­zuf­ühren, d. h. Bour­geois zu wer­den. Mit ei­nem Wort, sie schafft sich ei­ne Welt nach ihrem ei­ge­nen Bil­de.

Die Bour­geoi­sie hat das Land der Her­r­schaft der Stadt un­ter­wor­fen. Sie hat enor­me Städ­te ge­schaf­fen, sie hat die Zahl der städ­ti­schen Be­vö­l­kerung ge­gen­über der länd­li­chen in ho­hem Gra­de ver­mehrt, und so ei­nen be­deu­ten­den Theil der Be­vö­l­kerung dem Idi­o­tis­mus des Land­le­bens en­tris­sen. Wie sie das Land von der Stadt, hat sie die bar­ba­ri­schen und halbbar­ba­ri­schen Län­der von den ci­vi­li­sir­ten, die Bau­ern­vö­l­ker von den Bour­geois­vö­l­kern, den Orient vom Oc­ci­dent ab­hän­gig ge­macht.

Die Bour­geoi­sie hebt mehr und mehr die Zer­split­terung der Pro­duk­ti­onsmit­tel, des Be­sit­zes und der Be­vö­l­kerung auf. Sie hat die Be­vö­l­kerung ag­glo­me­rirt, die Pro­duk­ti­onsmit­tel cen­tra­li­sirt und das Ei­genthum in we­ni­gen Hän­den kon­cen­trirt. Die no­th­wen­di­ge Fol­ge hier­von war die po­li­ti­sche Cen­tra­li­sa­ti­on. Unab­hän­gi­ge, fast nur ver­b­ün­de­te Pro­vin­zen mit ver­schie­de­nen In­te­res­sen, Ge­set­zen, Re­gie­run­gen und Zö­l­len wur­den zu­sam­men­ge­drängt in Ei­ne Na­ti­on, Ei­ne Re­gie­rung, Ein Ge­setz, Ein na­ti­o­na­les Klas­sen­in­te­res­se, Ei­ne Dou­a­nen­li­nie.

Die Bour­geoi­sie hat in ihrer kaum hun­der­tjä­hrigen Klas­sen­her­r­schaft mas­sen­haf­te­re und ko­los­sa­le­re Pro­duk­ti­ons­kräf­te ge­schaf­fen, als al­le ver­gan­ge­nen Ge­ne­ra­ti­o­nen zu­sam­men. Un­ter­jochung der Na­tur­kräf­te, Ma­schi­ne­rie, An­wen­dung der Che­mie auf In­du­strie und Ac­ker­bau, Dampf­schif­fah­rt, Ei­sen­bah­nen, elek­tri­sche Te­le­grap­hen, Ur­bar­ma­chung gan­zer Weltt­hei­le, Schiff­bar­ma­chung der Flüs­se, gan­ze aus dem Bo­den her­vor­ge­stampf­te Be­vö­l­kerun­gen – welch frühe­res Jah­r­hun­dert ahn­te, daß sol­che Pro­duk­ti­ons­kräf­te im Schooß der ge­sell­schaft­li­chen Ar­beit schlum­mer­ten.

Wir ha­ben aber ge­se­hn: Die Pro­duk­ti­ons- und Ver­kehr­smit­tel, auf de­ren Grund­la­ge sich die Bour­geoi­sie he­ran­bil­de­te, wur­den in der feu­da­len Ge­sell­schaft er­zeugt. Auf ei­ner ge­wis­sen Stu­fe der Ent­wick­lung die­ser Pro­duk­ti­ons- und Ver­kehr­smit­tel ents­pra­chen die Ver­hält­nis­se, wo­rin die feu­da­le Ge­sell­schaft pro­du­cir­te und austausch­te, die feu­da­le Or­ga­ni­sa­ti­on der Agri­kul­tur und Ma­nu­fak­tur, mit ei­nem Wort die feu­da­len Ei­genthums-Ver­hält­nis­se den schon ent­wic­kel­ten Pro­duk­ti­vkräf­ten nicht mehr. Sie hemm­ten die Pro­duk­ti­on statt sie zu för­dern. Sie ver­wan­del­ten sich in eben so vie­le Fes­seln. Sie muß­ten ge­sprengt wer­den, sie wur­den ge­sprengt.

An ihre Stel­le trat die freie Kon­kur­renz mit der ihr an­ge­mes­se­nen ge­sell­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Kon­sti­tu­ti­on, mit der öko­no­mi­schen und po­li­ti­schen Her­r­schaft der Bour­geois-Klas­se.

Un­ter uns­ren Au­gen geht ei­ne ähn­li­che Be­we­gung vor. Die bür­ger­li­chen Pro­duk­ti­ons- und Ver­kehrs-Ver­hält­nis­se, die bür­ger­li­chen Ei­genthums-Ver­hält­nis­se, die mo­der­ne bür­ger­li­che Ge­sell­schaft, die so ge­wal­ti­ge Pro­duk­ti­ons- und Ver­kehr­smit­tel her­vor­ge­zau­bert hat, gleicht dem Hexen­meis­ter, der die un­te­rir­di­schen Ge­wal­ten nicht mehr zu be­her­r­schen ver­mag, die er he­rauf be­schwor. [7]Seit De­zen­nien ist die Ge­schich­te der In­du­strie und des Han­dels nur noch die Ge­schich­te der Em­pörung der mo­der­nen Pro­duk­ti­vkräf­te ge­gen die mo­der­nen Pro­duk­ti­ons-Ver­hält­nis­se, ge­gen die Ei­genthums-Ver­hält­nis­se, wel­che die Leb­ens-Be­din­gun­gen der Bour­geoi­sie und ihrer Her­r­schaft sind. Es gen­ügt die Han­dels­kri­sen zu nen­nen, wel­che in ihrer pe­ri­o­di­schen Wie­der­kehr im­mer dro­hen­den die Exis­tenz der gan­zen bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft in Fra­ge stel­len. In den Han­dels­kri­sen wird ein großer Theil nicht nur der er­zeug­ten Pro­duk­te, son­dern so­gar der be­reits ge­schaf­fe­nen Pro­duk­ti­vkräf­te re­gelmäßig ver­nich­tet. In der Kri­sen bricht ei­ne ge­sell­schaft­li­che Epi­de­mie aus, wel­che al­len frühe­ren Epo­chen als ein Wi­der­sinn er­schie­nen wä­re – die Epi­de­mie der Ue­ber­pro­duk­ti­on. Die Ge­sell­schaft fin­det sich plötz­lich in ei­nen Zu­stand mo­men­ta­ner Bar­ba­rei zur­ück­ver­setzt; ei­ne Hun­gers­noth, ein all­ge­meiner Ver­w­üstungs­krieg schei­nen ihr al­le Leb­ens­mit­tel ab­ge­schnit­ten zu ha­ben; die In­du­strie, der Han­del schei­nen ver­nich­tet, und wa­rum? Weil sie zu viel Ci­vi­li­sa­ti­on, zu viel Leb­ens­mit­tel, zu viel In­du­strie, zu viel Han­del be­sitzt. Die Pro­duk­ti­vkräf­te, die ihr zur Ver­f­ü­gung ste­hen, die­nen nicht mehr zur Be­för­der­ung der bür­ger­li­chen Ci­vi­li­sa­ti­on und der bür­ger­li­chen Ei­genthums-Ver­hält­nis­se; im Ge­gent­heil, sie sind zu ge­wal­tig für die­se Ver­hält­nis­se ge­wor­den, sie wer­den von ih­nen ge­hemmt, und so bald sie dies Hemm­niß über­win­den, brin­gen sie die gan­ze bür­ger­li­che Ge­sell­schaft in Unord­nung, ge­fä­hr­den sie die Exis­tenz des bür­ger­li­chen Ei­genthums. Die bür­ger­li­chen Ver­hält­nis­se sind zu eng ge­wor­den um den von ih­nen er­zeug­ten Reicht­hum zu fas­sen. – Wo­durch über­win­det die Bour­geoi­sie die Kri­sen? Ei­ner­seits durch die er­zwun­ge­ne Ver­nicht­ung ei­ner Mas­se von Pro­duk­ti­vkräf­ten; an­de­rerseits durch die Ero­be­rung neu­er Mä­rk­te, und die gründ­li­che­re Aus­beu­tung der al­ten Mä­rk­te. Wo­durch al­so? Da­durch, daß sie all­sei­ti­ge­re und ge­wal­ti­ge­re Kri­sen vor­be­rei­tet und die Mit­tel, den Kri­sen vor­zu­beu­gen, ver­min­dert.

Die Waf­fen, wo­mit die Bour­geoi­sie den Feu­da­lis­mus zu Bo­den ge­schla­gen hat, rich­ten sich jetzt ge­gen die Bour­geoi­sie selbst. Aber die Bour­geoi­sie hat nicht nur die Waf­fen ge­schmie­det, die ihr den Tod brin­gen; sie hat auch die Män­ner ge­zeugt, die die­se Waf­fen führen wer­den – die mo­der­nen Ar­bei­ter, diePro­le­ta­rier.

In dem­sel­ben Maße, wo­rin sich die Bour­geoi­sie, d.h. das Ka­pi­tal ent­wic­kelt, in dem­sel­ben Maße ent­wic­kelt sich das Pro­le­ta­ri­at, die Klas­se der mo­der­nen Ar­bei­ter, die nur so lan­ge leb­en, als sie Ar­beit fin­den, und die nur so lan­ge Ar­beit fin­den, als ihre Ar­beit das Ka­pi­tal ver­mehrt. Die­se Ar­bei­ter, die sich stück­weis ver­kau­fen müs­sen, sind ei­ne Waare wie je­der an­de­re Han­dels­ar­ti­kel, und da­her gleichmäßig al­len Wechselfäl­len der Kon­kur­renz, al­len Schwan­kun­gen des Mark­tes aus­ge­setzt.

Die Ar­beit der Pro­le­ta­rier hat durch die Aus­de­hnung der Ma­schi­ne­rie und die Thei­lung der Ar­beit al­len selbst­stän­di­gen Cha­rak­ter und da­mit al­len Reiz für den Ar­bei­ter ver­lo­ren. Er wird ein bloßes Zu­be­hör der Ma­schi­ne, von dem nur der ein­fach­ste, eintö­nig­ste, am leich­tes­ten er­lern­ba­re Hand­griff ver­langt wird. Die Kos­ten, die der Ar­bei­ter ver­urs­acht, be­schrän­ken sich da­her fast nur auf die Leb­ens­mit­tel, die er zu sei­nem Un­ter­halt und zur Fort­pflan­zung sei­ner Ra­ce be­darf. Der Preis ei­ner Waare, al­so auch der Ar­beit ist aber gleich ihren Pro­duk­ti­ons­kos­ten. In dem­sel­ben Maße, in dem die Wi­der­wär­tig­keit der Ar­beit wächst, nimmt da­her der Lo­hn ab. Noch mehr, in dem­sel­ben Maße wie Ma­schi­ne­rie und Thei­lung der Ar­beit zu­nehmen, in dem­sel­ben Maße nimmt auch die Mas­se der Ar­beit zu, sei es durch Ver­mehrung der Ar­beits­stun­den, sei es durch Ver­mehrung der in ei­ner ge­ge­be­nen Zeit ge­for­der­ten Ar­beit, be­schleu­nig­ten Lauf der Ma­schi­nen u. s. w.

Die mo­der­ne In­du­strie hat die klei­ne Werkstu­be des pa­tri­ar­cha­li­schen Meis­ters in die große Fa­brik des in­du­striel­len Ka­pi­ta­lis­ten ver­wan­delt. Ar­bei­ter- [8] Mas­sen in der Fa­brik zu­sam­men­ge­drängt, wer­den sol­da­tisch or­ga­ni­s­irt. Sie wer­den als ge­mei­ne In­du­strie­sol­da­ten un­ter die Auf­sicht ei­ner voll­stän­di­gen Hier­ar­chie von Un­ter­of­fi­zie­ren und Of­fi­zie­ren ge­stellt. Sie sind nicht nur Knech­te der Bour­geois­klas­se, des Bour­geoisstaat­es, sie sind täg­lich und stünd­lich ge­knech­tet von der Ma­schi­ne, von dem Auf­seher, und vor Al­lem von dem ein­zel­nen fa­bri­zi­ren­den Bour­geois selbst. Die­se Des­po­tie ist um so klein­li­cher, ge­häs­si­ger, er­bit­tern­der, je of­fe­ner sie den Er­werb als ihren letz­ten Zweck pro­kla­mirt.

Je we­ni­ger die Hand­ar­beit Ge­schick­lich­keit und Kraftäußerung er­heischt, d.h. je mehr die mo­der­ne In­du­strie sich ent­wic­kelt, de­s­to mehr wird die Ar­beit der Män­ner durch die der Wei­ber und Kin­der ver­drängt. Ge­schlechts- und Al­ters-Un­ter­schie­de ha­ben kei­ne ge­sell­schaft­li­che Gel­tung mehr für die Ar­bei­ter­klas­se. Es gibt nur noch Ar­beits­in­stru­men­te, die je nach Al­ter und Ge­schlecht ver­schie­de­ne Kos­ten ma­chen.

Ist die Aus­beu­tung des Ar­bei­ters durch den Fa­bri­kan­ten so weit been­digt, daß er sei­nen Ar­beits­lo­hn baar aus­ge­zahlt er­hält, so fal­len die an­dern Thei­le der Bour­geoi­sie über ihn her, der Haus­be­sit­zer, der Krä­mer, der Pfand­ver­lei­her u. s. w.

Die bis­he­ri­gen klei­nen Mit­tel­stän­de, die klei­nen In­du­striel­len, Kau­fleu­te und Ren­tiers, die Hand­wer­ker und Bau­ern, al­le die­se Klas­sen fal­len ins Pro­le­ta­ri­at hi­nab, theils da­durch, daß ihr klei­nes Ka­pi­tal für den Be­trieb der großen In­du­strie nicht aus­reicht, und der Kon­kur­renz mit den größe­ren Ka­pi­ta­lis­ten er­liegt, theils da­durch, daß ihre Ge­schick­lich­keit von neu­en Pro­duk­ti­ons­wei­sen ent­wer­thet wird. So re­kru­tirt sich das Pro­le­ta­ri­at aus al­len Klas­sen der Be­vö­l­kerung.

Das Pro­le­ta­ri­at macht ver­schie­de­ne Ent­wick­lungs­stu­fen durch. Sein Kampf ge­gen die Bour­geoi­sie be­gin­nt mit sei­ner Exis­tenz. Im An­fang kämp­fen die ein­zel­nen Ar­bei­ter, dann die Ar­bei­ter ei­ner Fa­brik, dann die Ar­bei­ter ei­nes Ar­beits­zwei­ges an ei­nen Ort ge­gen den ein­zel­nen Bour­geois, der sie di­rekt aus­beu­tet. Sie rich­ten ihre Angrif­fe nicht nur ge­gen die bür­ger­li­chen Pro­duk­ti­ons-Ver­hält­nis­se, sie rich­ten sie ge­gen die Pro­duk­ti­ons-In­stru­men­te selbst; sie ver­nich­ten die frem­den kon­kur­ri­ren­den Waar­en, sie zer­schla­gen die Ma­schi­nen, sie stec­ken die Fa­bri­ken in Brand, sie su­chen sich die un­ter­ge­gan­ge­ne Stel­lung des mit­tel­al­ter­li­chen Ar­bei­ters wie­der zu er­rin­gen.

Auf die­ser Stu­fe bil­den die Ar­bei­ter ei­ne über das gan­ze Land zer­streu­te und durch die Kon­kur­renz zer­split­ter­te Mas­se. Mas­sen­haf­tes Zu­sam­men­hal­ten der Ar­bei­ter ist noch nicht die Fol­ge ihrer ei­ge­nen Ver­ei­ni­g­ung, son­dern die Fol­ge der Ver­ei­ni­g­ung der Bour­geoi­sie, die zur Er­reichung ihrer ei­ge­nen po­li­ti­schen Zwec­ke das gan­ze Pro­le­ta­ri­at in Be­we­gung set­zen muß und es einst­wei­len noch kann. Auf die­ser Stu­fe bekämp­fen die Pro­le­ta­rier al­so nicht ihre Fein­de, son­dern die Fein­de ihrer Fein­de, die Res­te der ab­so­lu­ten Mo­nar­chie, die Grund­ei­gen­th­ü­mer, die nicht in­du­striel­len Bour­geois, die Klein­b­ür­ger. Die gan­ze ge­schicht­li­che Be­we­gung ist so in den Hän­den der Bour­geoi­sie kon­zen­trirt; je­der Sieg, der so er­run­gen wird, ist ein Sieg der Bour­geoi­sie.

Aber mit der Ent­wick­lung der In­du­strie ver­mehrt sich nicht nur das Pro­le­ta­ri­at; es wird in größe­ren Mas­sen zu­sam­men­ge­drängt, sei­ne Kraft wächst und es fühlt sie mehr. Die In­te­res­sen, die Leb­en­sla­gen in­ner­halb des Pro­le­ta­ri­ats glei­chen sich im­mer mehr aus, in­dem die Ma­schi­ne­rie mehr und mehr die Un­ter­schie­de der Ar­beit ver­wischt und den Lo­hn fast über­all auf ein gleich nie­dri­ges Ni­veau he­rab­drückt. Die wach­sen­de Kon­kur­renz der Bour­geois un­ter sich und die da­raus her­vor­ge­hen­den Han­dels­kri­sen ma­chen den Lo­hn der Ar­bei­ter im­mer schwan­ken­der; die im­mer ra­scher sich ent­wic­keln­de, unauf­hör­li­che Ver­bes­se­rung der Ma­schi­ne­rie macht ihre gan­ze Leb­ens­stel­lung im­mer un­si­che­rer; im­mer mehr nehmen die Kol­li­si­o­nen zwi­schen dem ein­zel­nen Ar­bei­ter und dem ein­zel­nen Bour­geois den Cha­rak­ter von Kol­li­si­o­nen zwei­er Klas­sen an. Die Ar­bei­ter be­gin­nen [9] da­mit, Co­a­li­ti­o­nen ge­gen die Bour­geois zu bil­den; sie tre­ten zu­sam­men zur Be­hauptung ihres Ar­beits­lo­hns. Sie stif­ten selbst dau­ern­de As­so­ci­a­ti­o­nen, um sich für die­se ge­le­gent­li­chen Em­pörun­gen zu ver­pro­vi­an­ti­ren. Stel­len­weis bricht der Kampf in Emeu­ten aus.

Von Zeit zu Zeit sie­gen die Ar­bei­ter, aber nur vor­über­ge­hend. Das ei­gent­li­che Re­sul­tat ihrer Kämp­fe ist nicht der un­mit­tel­ba­re Erfolg, son­dern die im­mer wei­ter um sich grei­fen­de Ver­ei­ni­g­ung der Ar­bei­ter. Sie wird be­för­dert durch die wach­sen­den Kom­mu­ni­kat­ionsmit­tel, die von der großen In­du­strie er­zeugt wer­den und die Ar­bei­ter der ver­schie­de­nen Lo­ka­litä­ten mit ei­nan­der in Ver­bin­dung set­zen. Es be­darf aber blos der Ver­bin­dung, um die vie­len Lo­kalkämp­fe von über­all glei­chem Cha­rak­ter, zu ei­nem na­ti­o­na­len, zu ei­nem Klas­sen­kampf zu cen­tra­li­si­ren. Je­der Klas­sen­kampf aber ist ein po­li­ti­scher Kampf. Und die Ver­ei­ni­g­ung, zu der die Bür­ger des Mit­tel­al­ters mit ihren Vi­ci­nal­we­gen Jah­r­hun­der­te be­durf­ten, brin­gen die mo­der­nen Pro­le­ta­rier mit den Ei­sen­bah­nen in we­ni­gen Jah­ren zu Stan­de.

Die­se Or­ga­ni­sa­ti­on der Pro­le­ta­rier zur Klas­se, und da­mit zur po­li­ti­schen Partei, wird je­den Au­gen­blick wie­der ge­sprengt durch die Con­kur­renz un­ter den Ar­bei­tern selbst. Aber sie er­steht im­mer wie­der, stä­r­ker, fes­ter, mäch­ti­ger. Sie er­zwingt die Aner­ken­nung ein­zel­ner In­te­res­sen der Ar­bei­ter in Ge­set­zes­form, in­dem sie die Spal­tun­gen der Bour­geoi­sie un­ter sich be­nutzt. So die Ze­hnstun­den­bill in En­g­land.

Die Kol­li­si­o­nen der al­ten Ge­sell­schaft über­haupt för­dern man­nich­fach den Ent­wick­lungs­gang des Pro­le­ta­ri­ats. Die Bour­geoi­sie befin­det sich in fort­wä­hren­dem Kamp­fe; an­f­angs ge­gen die Ari­s­to­kra­tie; spä­ter ge­gen die Thei­le der Bour­geoi­sie selbst, de­ren In­te­res­sen mit dem Fort­sch­ritt der In­du­strie in Wie­der­spruch ge­ra­then; stets ge­gen die Bour­geoi­sie al­ler aus­wär­ti­gen Län­der. In al­len die­sen Kämp­fen sieht sie sich genöthigt an das Pro­le­ta­ri­at zu ap­pel­li­ren, sei­ne Hül­fe in An­spruch zu nehmen und es so in die po­li­ti­sche Be­we­gung hin­ein­zu­reißen. Sie selbst führt al­so dem Pro­le­ta­ri­at ihre ei­ge­nen Bil­dungs­ele­men­te, d. h. Waf­fen ge­gen sich selbst zu.

Es wer­den fer­ner, wie wir sa­hen, durch den Fort­sch­ritt der In­du­strie gan­ze Be­standt­hei­le der her­r­schen­den Klas­se in’s Pro­le­ta­ri­at hi­nab­ge­wor­fen oder we­nig­stens in ihren Leb­ens­be­din­gun­gen be­droht. Auch sie führen dem Pro­le­ta­ri­at ei­ne Mas­se Bil­dungs­ele­men­te zu. In Zei­ten end­lich wo der Klas­sen­kampf sich der Ent­schei­dung nä­hert, nimmt der Au­flö­sungs­pro­zeß in­ner­halb der her­r­schen­den Klas­se, in­ner­halb der gan­zen al­ten Ge­sell­schaft, ei­nen so hef­ti­gen, so grel­len Cha­rak­ter an, daß ein klei­ner Theil der her­r­schen­de Klas­se sich von ihr los­sagt und sich der re­vo­lu­ti­onä­ren Klas­se an­schließt, der Klas­se, wel­che die Zu­kunft in ihren Hän­den trägt. Wie da­her früher ein Theil des Adels zur Bour­geoi­sie über­ging, so geht jetzt ein Theil der Bour­geoi­sie zum Pro­le­ta­ri­at über, und na­ment­lich ein Theil der Bour­geois-Ide­o­lo­gen, wel­che zum the­o­re­ti­schen Ver­ständ­niß der gan­zen ge­schicht­li­chen Be­we­gung sich hinauf­ge­ar­bei­tet ha­ben.

Von al­len Klas­sen, wel­che heut­zu­ta­ge der Bour­geoi­sie ge­gen­über ste­hen, ist nur das Pro­le­ta­ri­at ei­ne wir­k­lich re­vo­lu­ti­onä­re Klas­se. Die übri­gen Klas­sen ver­kom­men und ge­hen un­ter mit der großen In­du­strie, das Pro­le­ta­ri­at ist ihr ei­gens­tes Pro­dukt. Die Mit­tel­stän­de, der klei­ne In­du­striel­le, der klei­ne Kauf­mann, der Hand­wer­ker, der Bau­er, sie Al­le bekämp­fen die Bour­geoi­sie, um ihre Exis­tenz als Mit­tel­stän­de, vor dem Un­ter­gang zu si­chern. Sie sind al­so nicht re­vo­lu­ti­onär, son­dern kon­ser­va­tiv. Noch mehr, sie sind reak­ti­onär, denn sie su­chen das Rad der Ge­schich­te zur­ück­zud­re­hen. Sind sie re­vo­lu­ti­onär, so sind sie es im Hin­blick auf den ih­nen be­vor­ste­hen­den Ue­ber­gang ins Pro­le­ta­ri­at, so vert­hei­di­gen [10] sie nicht ihre ge­gen­wär­ti­gen, son­dern ihre zuk­ünf­ti­gen In­te­res­sen, so ver­las­sen sie ihren ei­ge­nen Stand­punkt um sich auf den des Pro­le­ta­ri­ats zu stel­len.

Das Lum­pen­pro­le­ta­ri­at, die­se pas­si­ve Ver­fau­lung der un­ter­sten Schich­ten der al­ten Ge­sell­schaft, wird durch ei­ne pro­le­ta­ri­sche Re­vo­lu­ti­on stel­len­wei­se in die Be­we­gung hin­ein­ge­schleu­dert, sei­ner gan­zen Leb­en­sla­ge nach wird es be­reit­wil­li­ger sein sich zu reak­ti­onä­ren Um­trie­ben er­kau­fen zu las­sen. Die Leb­ens­be­din­gun­gen der al­ten Ge­sell­schaft sind schon ver­nich­tet in den Leb­ens­be­din­gun­gen des Pro­le­ta­ri­ats. Der Pro­le­ta­rier ist ei­genthum­s­los; sein Ver­hält­niß zu Weib und Kin­dern hat nichts mehr ge­mein mit dem bür­ger­li­chen Fa­mi­lien­ver­hält­niß; die mo­der­ne in­du­striel­le Ar­beit, die mo­der­ne Un­ter­jochung un­ter das Ka­pi­tal, die­sel­be in En­g­land wie in Frank­reich, in Ame­ri­ka wie in Deut­sch­land, hat ihm al­len na­ti­o­na­len Cha­rak­ter ab­ges­treift. Die Ge­set­ze, die Mo­ral, die Re­li­gi­on sind für ihn eben so vie­le bür­ger­li­che Vor­urt­hei­le, hin­ter de­nen sich eben so vie­le bür­ger­li­che In­te­res­sen verstec­ken.

Al­le frühe­ren Klas­sen, die sich die Her­r­schaft ero­ber­ten, such­ten ihre schon er­wor­be­ne Leb­ens­stel­lung zu si­chern, in­dem sie die gan­ze Ge­sell­schaft den Be­din­gun­gen ihres Er­werbs un­ter­war­fen. Die Pro­le­ta­rier kön­nen sich die ge­sell­schaft­li­chen Pro­duk­ti­vkräf­te nur ero­bern, in­dem sie ihre ei­ge­ne bis­he­ri­ge Aneig­nungs­wei­se und da­mit die gan­ze bis­he­ri­ge Aneig­nungs­wei­se ab­schaf­fen. Die Pro­le­ta­rier ha­ben Nichts von dem Ihrigen zu si­chern, sie ha­ben al­le bis­he­ri­ge Pri­vat­sicher­heit und Pri­vat­ver­si­che­run­gen zu zerstören.

Al­le bis­he­ri­gen Be­we­gun­gen wa­ren Be­we­gun­gen von Mi­no­ritä­ten oder im In­te­res­se von Mi­no­ritä­ten. Die pro­le­ta­ri­sche Be­we­gung ist die selbst­stän­di­ge Be­we­gung der un­ge­heu­ren Mehr­zahl im In­te­res­se der un­ge­heu­ren Mehr­zahl. Das Pro­le­ta­ri­at, die un­ter­ste Schich­te der jet­zi­gen Ge­sell­schaft, kann sich nicht er­he­ben, nicht au­frich­ten, oh­ne daß der gan­ze Ue­ber­bau der Schich­ten, die die of­fi­ziel­le Ge­sell­schaft bil­den, in die Luft ge­sprengt wird.

Ob­gleich nicht dem In­halt, ist der Form nach der Kampf des Pro­le­ta­ri­ats ge­gen die Bour­geoi­sie zunächst ein na­ti­o­na­ler. Das Pro­le­ta­ri­at ei­nes je­den Lan­des muß na­t­ür­lich zu­erst mit sei­ner ei­ge­nen Bour­geoi­sie fer­tig wer­den. In­dem wir die all­ge­mein­sten Pha­sen der Ent­wick­lung des Pro­le­ta­ri­ats zeich­ne­ten, ver­folg­ten wir den mehr oder min­der versteck­ten Bür­ger­krieg in­ner­halb der be­ste­hen­den Ge­sell­schaft bis zu dem Punkt, wo er in ei­ne of­fe­ne Re­vo­lu­ti­on aus­bricht und durch den ge­walt­sa­men Sturz der Bour­geoi­sie das Pro­le­ta­ri­at sei­ne Her­r­schaft be­grün­det.

Al­le bis­he­ri­ge Ge­sell­schaft be­ruh­te, wie wir ge­se­hn ha­ben, auf dem Ge­gen­satz un­ter­drüc­ken­der und un­ter­drück­ter Klas­sen. Um aber ei­ne Klas­se un­ter­drüc­ken zu kön­nen, müs­sen ihr Be­din­gun­gen ge­si­chert sein in­ner­halb de­rer sie we­nig­stens ihre knech­ti­sche Exis­tenz fris­ten kann. Der Lei­bei­ge­ne hat sich zum Mit­glied der Kom­mu­ne in der Lei­bei­gen­schaft he­ran­ge­ar­bei­tet, wie der Klein­b­ür­ger zum Bour­geois un­ter dem Joch des feu­da­lis­ti­schen Ab­so­lu­tis­mus. Der mo­der­ne Ar­bei­ter da­ge­gen, statt sich mit dem Fort­sch­ritt der In­du­strie zu he­ben, sinkt im­mer tie­fer un­ter die Be­din­gun­gen sei­ner eig­nen Klas­se he­rab. Der Ar­bei­ter wird zum Pau­per, und der Pau­pe­ris­mus ent­wic­kelt sich noch ra­scher als Be­vö­l­kerung und Reicht­hum. Es tritt hier­mit of­fen her­vor, daß die Bour­geoi­sie un­fä­hig ist, noch län­ger die her­r­schen­de Klas­se der Ge­sell­schaft zu blei­ben und die Leb­ens­be­din­gun­gen ihrer Klas­se der Ge­sell­schaft als re­geln­des Ge­setz auf­zu­zwin­gen. Sie ist un­fä­hig zu her­r­schen, weil sie un­fä­hig ist ihrem Skla­ven die Exis­tenz selbst in­ner­halb sei­ner Skla­ve­rei zu si­chern, weil sie ge­zwun­gen ist ihn in ei­ne La­ge he­rab­sin­ken zu las­sen, wo sie ihn er­nä­hren muß, statt von ihm er­nä­hrt zu wer­den. Die Ge­sell­schaft kann nicht mehr un­ter ihr leb­en, d. h. ihr Leb­en ist nicht mehr ver­träg­lich mit der Ge­sell­schaft.

Die we­sent­lich­ste Be­din­gung für die Exis­tenz und für die Her­r­schaft der Bour­geois­klas­se ist die An­häu­fung des Reicht­hums in den Hän­den von Pri­va­ten, die Bil­dung und Ver­mehrung des Ka­pi­tals. Die Be­din­gung des Ka­pi­tals ist die Lo­hn­ar­beit. Die Lo­hn­ar­beit be­ruht aus­schließ­lich auf der Kon­kur­renz der Ar­bei­ter un­ter sich. Der Fort­sch­ritt der In­du­strie, des­sen wil­len­lo­ser und wie­der­stands­lo­ser Trä­ger die Bour­geoi­sie ist, setzt an die Stel­le der Iso­li­rung der Ar­bei­ter durch die Kon­kur­renz ihre re­vo­lu­ti­onä­re Ver­ei­ni­g­ung durch die As­so­ci­a­ti­on. Mit der Ent­wick­lung der großen In­du­strie wird al­so un­ter den Füßen der Bour­geoi­sie die Grund­la­ge selbst weg­ge­zo­gen worauf sie pro­du­zirt und die Pro­duk­te sich aneig­net. Sie pro­du­zirt vor Al­lem ihre ei­ge­nen Tod­ten­grä­ber. Ihr Un­ter­gang und der Sieg des Pro­le­ta­ri­ats sind gleich un­ver­meid­lich.

II. Proletarier und Kommunisten.

In wel­chem Ver­hält­niß ste­hen die Kom­mu­nis­ten zu den Pro­le­ta­riern über­haupt? Die Kom­mu­nis­ten sind kei­ne be­son­de­re Partei ge­gen­über den an­dern Ar­bei­ter­partei­en. Sie ha­ben kei­ne von den In­te­res­sen des gan­zen Pro­le­ta­ri­ats ge­tren­n­ten In­te­res­sen. Sie stel­len kei­ne be­son­dern Prin­zi­pi­en auf, wonach sie die pro­le­ta­ri­sche Be­we­gung mo­deln wol­len.

Die Kom­mu­nis­ten un­ter­schei­den sich von den übri­gen pro­le­ta­ri­schen Partei­en nur da­durch, daß ei­ner­seits sie in den ver­schie­de­nen na­ti­o­na­len Kämp­fen der Pro­le­ta­rier die ge­mein­sa­men, von der Na­ti­o­na­lität unab­hän­gi­gen In­te­res­sen des ge­samm­ten Pro­le­ta­ri­ats her­vor­he­ben und zur Gel­tung brin­gen, an­drerseits da­durch, daß sie in den ver­schie­de­nen Ent­wick­lungs-Stu­fen, wel­che der Kampf zwi­schen Pro­le­ta­ri­at und Bour­geoi­sie dur­chläuft, stets das In­te­res­se der Ge­sammt-Be­we­gung ver­tre­ten. Die Kom­mu­nis­ten sind al­so prak­tisch der ent­schie­den­ste im­mer wei­ter trei­ben­de Theil der Ar­bei­ter­partei­en al­ler Län­der, sie ha­ben the­o­re­tisch vor der übri­gen Mas­se des Pro­le­ta­ri­ats die Ein­sicht in die Be­din­gun­gen, den Gang und die all­ge­mei­nen Re­sul­ta­te der pro­le­ta­ri­schen Be­we­gung vo­raus. Der näch­ste Zweck der Kom­mu­nis­ten ist der­sel­be wie der al­ler übri­gen pro­le­ta­ri­schen Partei­en: Bil­dung des Pro­le­ta­ri­ats zur Klas­se, Sturz der Bour­geoi­sie­her­r­schaft, Ero­be­rung der po­li­ti­schen Macht durch das Pro­le­ta­ri­at.

Die the­o­re­ti­schen Sät­ze der Kom­mu­nis­ten be­ru­hen kei­nes­wegs auf Id­een, auf Prin­zi­pi­en, die von die­sem oder je­nem Welt­ver­bes­se­rer er­fun­den oder ent­deckt sind. Sie sind nur all­ge­mei­ne Aus­drüc­ke that­säch­li­cher Ver­hält­nis­se ei­nes exis­ti­ren­den Klas­sen­kamp­fes, ei­ner un­ter uns­ern Au­gen vor sich ge­hen­den ge­schicht­li­chen Be­we­gung. Die Ab­schaf­fung bis­he­ri­ger Ei­genthums­ver­hält­nis­se ist nichts dem Kom­mu­nis­mus ei­gen­th­üm­lich Be­zeich­nen­des.

Al­le Ei­genthums­ver­hält­nis­se wa­ren ei­nem be­stän­di­gen ge­schicht­li­chen Wech­sel, ei­ner be­stän­di­gen ge­schicht­li­chen Ver­än­der­ung un­ter­wor­fen. Die Fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­on z. B. schaff­te das Feu­dal-Ei­genthum zu­gun­sten des bür­ger­li­chen ab. Was den Kom­mu­nis­mus aus­zeich­net, ist nicht die Ab­schaf­fung des Ei­genthums über­haupt, son­dern die Ab­schaf­fung des bür­ger­li­chen Ei­genthums. Aber das mo­der­ne bür­ger­li­che Pri­vatei­genthum ist der letz­te und vol­len­detste Aus­druck der Er­zeu­gung und Aneig­nung der Pro­duc­te, die auf Klas­sen­ge­gensät­zen, die auf der Aus­beu­tung der Ei­nen durch die An­dern be­ruht. In die­sem Sinn kön­nen die Kom­mu­nis­ten ihre The­o­rie in dem ei­nen Aus­druck: Auf­he­bung des Pri­vat-Ei­genthums zu­sam­men­fas­sen.

Man hat uns Kom­mu­nis­ten vor­ge­wor­fen, wir woll­ten das persön­lich er­wor­be­ne, selbster­ar­bei­tete Ei­genthum ab­schaf­fen; das Ei­genthum, wel­ches die Grund­la­ge al­ler persön­li­chen Frei­heit, Thä­tig­keit und Selbstän­dig­keit bil­de. Er­ar­bei­te­tes, er­wor­be­nes, selbst­ver­dien­tes Ei­genthum! Sprecht Ihr von dem klein­b­ür­ger­li­chen, klein­bäu­er­li­chen Ei­genthum, wel­ches dem bür­ger­li­chen Ei­genthum vor­her­ging? Wir brau­chen es nicht ab­zuschaf­fen, die Ent­wic­ke­lung der In­du­strie hat es ab­ge­schafft und schafft es täg­lich ab. Oder sprecht Ihr vom mo­der­nen bür­ger­li­chen Pri­vatei­genthum?

Schafft aber die Lo­hn­ar­beit, die Ar­beit des Pro­le­ta­riers ihm Ei­genthum? Kei­nes­wegs. Sie schafft das Ka­pi­tal, d. h. das Ei­genthum, wel­ches die Lo­hn­ar­beit aus­beu­tet, wel­ches sich nur un­ter der Be­din­gung ver­mehren kann, daß es neue Lo­hn­ar­beit er­zeugt, um sie von Neu­em aus­zu­beu­ten. Das Ei­genthum in sei­ner heu­ti­gen Ge­stalt be­wegt sich in dem Ge­gen­satz von Ka­pi­tal und Lo­hn­ar­beit. Be­trach­ten wir die bei­den Sei­ten die­ses Ge­gen­sat­zes. Ka­pi­ta­list sein heißt nicht nur ei­ne rein­persön­li­che, son­dern ei­ne ge­sell­schaft­li­che Stel­lung in der Pro­duk­ti­on ein­nehmen.

Das Ka­pi­tal ist ein ge­mein­schaft­li­ches Pro­dukt und kann nur durch ei­ne ge­mein­sa­me Thä­tig­keit vie­ler Mit­glie­der, ja in letz­ter In­stanz nur durch die ge­mein­sa­me Thä­tig­keit al­ler Mit­glie­der der Ge­sell­schaft in Be­we­gung ge­setzt wer­den. Das Ka­pi­tal ist al­so kei­ne persön­li­che, es ist ei­ne ge­sell­schaft­li­che Macht. Wenn al­so das Ka­pi­tal in ge­mein­schaft­li­ches, al­len Mit­glie­dern der Ge­sell­schaft an­ge­höri­ges Ei­genthum ver­wan­delt wird, so ver­wan­delt sich nicht persön­li­ches Ei­genthum in ge­sell­schaft­li­ches. Nur der ge­sell­schaft­li­che Cha­rak­ter des Ei­genthums ver­wan­delt sich. Er ver­liert sei­nen Klas­sen-Cha­rak­ter.

Kom­men wir zur Lo­hn­ar­beit.

Der Dur­ch­schnitt­spreis der Lo­hn­ar­beit ist das Mi­ni­mum des Ar­beits­lo­h­nes, d. h. die Sum­me der Leb­ens­mit­tel, die no­th­wen­dig sind, um den Ar­bei­ter als Ar­bei­ter am Leb­en zu er­hal­ten. Was al­so der Lo­hn­ar­bei­ter durch sei­ne Thä­tig­keit sich aneig­net, reicht blos da­zu hin, um sein nack­tes Leb­en wie­der zu er­zeu­gen. Wir wol­len die­se persön­li­che Aneig­nung der Ar­beits­pro­duk­te zur Wie­de­rer­zeu­gung des un­mit­tel­ba­ren Leb­ens kei­nes­wegs ab­schaf­fen, ei­ne Aneig­nung, die kei­nen Rei­ner­trag übri­gläßt, der Macht über frem­de Ar­beit ge­ben kön­n­te. Wir wol­len nur den elen­den Cha­rak­ter die­ser Aneig­nung auf­he­ben, wo­rin der Ar­bei­ter nur lebt, um das Ka­pi­tal zu ver­mehren, nur so weit lebt, wie es das In­te­res­se der her­r­schen­den Klas­se er­heischt.

In der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft ist die leb­en­di­ge Ar­beit nur ein Mit­tel, die auf­ge­häuf­te Ar­beit zu ver­mehren. In der kom­mu­nis­ti­schen Ge­sell­schaft ist die auf­ge­häuf­te Ar­beit nur ein Mit­tel, um den Leb­en­spro­zeß der Ar­bei­ter zu er­wei­tern, zu be­rei­chern, zu be­för­dern. In der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft her­r­scht al­so die Ver­gan­gen­heit über die Ge­gen­wart, in der kom­mu­nis­ti­schen die Ge­gen­wart über die Ver­gan­gen­heit. In der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft ist das Ka­pi­tal selbst­stän­dig und persön­lich, wä­hrend das thä­ti­ge In­di­vi­d­uum un­selbst­stän­dig und un­persön­lich ist. Und die Auf­he­bung die­ses Ver­hält­nis­ses nen­nt die Bour­geoi­sie Auf­he­bung der Persön­lich­keit und Frei­heit! Und mit Recht. Es han­delt sich al­ler­dings um die Auf­he­bung der Bour­geois-Persön­lich­keit, Selbst­stän­dig­keit und Frei­heit.

Un­ter Frei­heit ver­steht man in­ner­halb der jet­zi­gen bür­ger­li­chen Pro­duk­ti­ons-Ver­hält­nis­se den frei­en Han­del, den frei­en Kauf und Ver­kauf. Fällt aber der Scha­cher, so fällt auch der freie Scha­cher. Die Re­densar­ten vom frei­en Scha­cher, wie al­le übri­gen Frei­heits­bra­va­den un­se­rer Bour­geois ha­ben über­haupt nur ei­nen Sinn ge­gen­über dem ge­bun­de­nen Scha­cher, ge­gen­über dem ge­knech­te­ten Bür­ger des Mit­tel­al­ters, nicht aber ge­gen­über der kom­mu­nis­ti­schen Auf­he­bung des Scha­chers, der bür­ger­li­chen Pro­duk­ti­ons-Ver­hält­nis­se und der Bour­geoi­sie selbst.

Ihr ent­setzt Euch dar­über, daß wir das Pri­vatei­genthum auf­he­ben wol­len. Aber in Eu­rer be­ste­hen­den Ge­sell­schaft ist das Pri­vatei­genthum für 9 Ze­hn­tel ihrer Mit­glie­der auf­ge­ho­ben; es exis­tirt ge­ra­de da­durch, daß es für 9 Ze­hn­tel nicht exis­tirt. Ihr werft uns al­so vor, daß wir ein Ei­genthum auf­he­ben wol­len, wel­ches die Ei­genthum­s­lo­sig­keit der un­ge­heu­ren Mehr­zahl der Ge­sell­schaft als no­th­wen­di­ge Be­din­gung vo­raus­setzt.

Ihr werft uns mit ei­nem Wort vor, daß wir Eu­er Ei­genthum auf­he­ben wol­len. Al­ler­dings das wol­len wir. Von dem Au­gen­blick an, wo die Ar­beit nicht mehr in Ka­pi­tal, Geld, Grund­ren­te, kurz, in ei­ne mo­no­po­li­sir­ba­re ge­sell­schaft­li­che Macht ver­wan­delt wer­den kann, d. h. von dem Au­gen­blick, wo das persön­li­che Ei­genthum nicht mehr in bür­ger­li­ches um­schla­gen kann, von dem Au­gen­blick an er­klärt Ihr die Per­son sei auf­ge­ho­ben. Ihr ge­steht al­so, daß Ihr un­ter der Per­son Nie­man­den an­ders ver­steht, als den Bour­geois, den bür­ger­li­chen Ei­gen­th­ü­mer. Und die­se Per­son soll al­ler­dings auf­ge­ho­ben wer­den.

Der Kom­mu­nis­mus nimmt kei­nem die Macht sich ge­sell­schaft­li­che Pro­duk­te an­zueig­nen, er nimmt nur die Macht sich durch die­se Aneig­nung frem­de Ar­beit zu un­ter­jo­chen. Man hat ein­ge­wen­det, mit der Auf­he­bung des Pri­vatei­genthums wer­de al­le Thä­tig­keit auf­hören und ei­ne all­ge­mei­ne Faul­heit ein­reißen. Hier­nach müß­te die bür­ger­li­che Ge­sell­schaft längst an der Träg­heit zu Grun­de ge­gan­gen sein; denn die in ihr ar­bei­ten, er­wer­ben nicht, und die in ihr er­wer­ben, ar­bei­ten nicht. Das gan­ze Be­den­ken läuft auf die Tau­to­lo­gie hi­naus, daß es kei­ne Lo­hn­ar­beit mehr gibt, so­bald es kein Ka­pi­tal mehr gibt.

Al­le Ein­w­ür­fe die ge­gen die kom­mu­nis­ti­sche Aneig­nungs- und Pro­duk­ti­ons­wei­se der ma­te­riel­len Pro­duk­te ge­rich­tet wer­den, sind eben so auf die Aneig­nung und Pro­duk­ti­on der geis­ti­gen Pro­duk­te aus­ge­de­hnt wor­den. Wie für den Bour­geois das Auf­hören des Klas­senei­genthums das Auf­hören der Pro­duk­ti­on selbst ist, so ist für ihn das Auf­hören der Klas­sen­bil­dung iden­tisch mit dem Auf­hören der Bil­dung über­haupt. Die Bil­dung, de­ren Ver­lust er be­dau­ert, ist für die enor­me Mehr­zahl die He­ran­bil­dung zur Ma­schi­ne. Aber strei­tet nicht mit uns, in­dem Ihr an Eu­ren bür­ger­li­chen Vor­stel­lun­gen von Frei­heit, Bil­dung, Recht u. s. w. die Ab­schaf­fung des bür­ger­li­chen Ei­genthums meßt. Eu­re Id­een selbst sind Er­zeug­nis­se der bür­ger­li­chen Pro­duk­ti­ons- und Ei­genthums-Ver­hält­nis­se, wie Eu­er Recht nur der zum Ge­setz er­ho­be­ne Wil­le Eu­rer Klas­se ist, ein Wil­le, des­sen In­halt ge­ge­ben ist in den ma­te­riel­len Leb­ens­be­din­gun­gen Eu­rer Klas­se.

Die in­te­res­sir­te Vor­stel­lung, wo­rin Ihr Eu­re Pro­duk­ti­ons- und Ei­genthums-Ver­hält­nis­se aus ge­schicht­li­chen, in dem Lauf der Pro­duk­ti­on vor­über­ge­hen­den Ver­hält­nis­sen in ewi­ge Na­tur und Ver­nunft­ge­set­ze ver­wan­delt, theilt Ihr mit al­len un­ter­ge­gan­ge­nen her­r­schen­den Klas­sen. Was ihr für das an­ti­ke Ei­genthum be­greift, was Ihr für das feu­da­le Ei­genthum be­greift, dürft Ihr nicht mehr be­grei­fen für das bür­ger­li­che Ei­genthum.

Auf­he­bung der Fa­mi­lie! Selbst die Ra­di­kal­sten erei­fern sich über die­se schänd­li­che Ab­sicht der Kom­mu­nis­ten. Worauf be­ruht die ge­gen­wär­ti­ge, die bür­ger­li­che Fa­mi­lie? Auf dem Ka­pi­tal, auf dem Pri­va­ter­werb. Voll­stän­dig ent­wic­kelt exis­tirt sie nur für die Bour­geoi­sie; aber sie fin­det ihre Er­gän­zung in der er­zwun­ge­nen Fa­mi­lien­lo­sig­keit der Pro­le­ta­rier und der öf­fent­li­chen Pros­ti­tu­ti­on. Die Fa­mi­lie des Bour­geois fällt na­t­ür­lich weg, mit dem Weg­fal­len die­ser ihrer Er­gän­zung und bei­de ver­schwin­den mit dem Ver­schwin­den des Ka­pi­tals. Werft Ihr uns vor, daß wir die Aus­beu­tung der Kin­der durch ihre El­tern auf­he­ben wol­len? Wir ge­ste­hen dies Ver­bre­chen ein. Aber sagt Ihr, wir he­ben die trau­tes­ten Ver­hält­nis­se auf, in­dem wir an die Stel­le der häus­li­chen Er­zie­hung die ge­sell­schaft­li­che set­zen. Und ist nicht auch Eu­re Er­zie­hung durch die Ge­sell­schaft be­s­timmt? Durch die ge­sell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se, in­ner­halb de­rer Ihr er­zieht, durch die di­rek­te­re oder in­di­rek­te­re Ein­mischung der Ge­sell­schaft ver­mit­telst der Schu­le u. s. w.? Die Kom­mu­nis­ten erfin­den nicht die Ein­wir­kung der Ge­sell­schaft auf die Er­zie­hung; sie ver­än­dern nur ihren Cha­rak­ter, sie en­treißen die Er­zie­hung dem Ein­fluß ei­ner her­r­schen­den Klas­se.

Die bür­ger­li­chen Re­densar­ten über Fa­mi­lie und Er­zie­hung über das trau­te Ver­hält­niß von El­tern und Kin­dern wer­den um so ekel­haf­ter, je mehr in Fol­ge der großen In­du­strie al­le Fa­mi­lien­ban­de für die Pro­le­ta­rier zer­ris­sen und die Kin­der in ein­fa­che Han­dels­ar­ti­kel und Ar­beits­in­stru­men­te ver­wan­delt wer­den. Aber Ihr Kom­mu­nis­ten wollt die Wei­ber­ge­mein­schaft ein­f­ühren, schreit uns die gan­ze Bour­geoi­sie im Chor ent­ge­gen. Der Bour­geois sieht in sei­ner Frau ein bloßes Pro­duk­ti­ons-In­stru­ment. Er hört, daß die Pro­duk­ti­ons-In­stru­men­te ge­mein­schaft­lich aus­ge­beu­tet wer­den sol­len und kann sich na­t­ür­lich nichts an­ders den­ken, als daß das Loos der Ge­mein­schaft­lich­keit die Wei­ber gleich­falls tref­fen wird. Er ahnt nicht, daß es sich eben da­rum han­delt, die Stel­lung der Wei­ber als bloßer Pro­duk­ti­ons-In­stru­men­te auf­zu­he­ben. Ue­bri­gens ist nichts lächer­li­cher als das ho­chmo­ra­li­sche Ent­set­zen uns­rer Bour­geois über die an­ge­bli­che of­fi­ciel­le Wei­ber­ge­mein­schaft der Kom­mu­nis­ten. Die Kom­mu­nis­ten brau­chen die Wei­ber­ge­mein­schaft nicht ein­zuf­ühren, sie hat fast im­mer exis­tirt.

Uns­re Bour­geois, nicht zu­frie­den da­mit, daß ih­nen die Wei­ber und Töch­ter ihrer Pro­le­ta­rier zur Ver­f­ü­gung ste­hen, von der of­fi­ciel­len Pros­ti­tu­ti­on gar nicht zu spre­chen, fin­den ein Haupt­verg­n­ü­gen da­rin, ihre Ehe­frauen wech­sel­sei­tig zu ver­f­ühren. Die bür­ger­li­che Ehe ist in Wir­k­lich­keit die Ge­mein­schaft der Ehe­frauen. Man kön­n­te höch­stens den Kom­mu­nis­ten vor­wer­fen, daß sie an der Stel­le ei­ner heuchle­risch versteck­ten, ei­ne of­fi­ciel­le, of­fen­her­zi­ge Wei­ber­ge­mein­schaft ein­f­ühren woll­ten. Es ver­steht sich übri­gens von selbst, daß mit Auf­he­bung der jet­zi­gen Pro­duk­ti­ons-Ver­hält­nis­se auch die aus ih­nen her­vor­ge­hen­de Wei­ber­ge­mein­schaft, d. h. die of­fi­ciel­le und nicht­of­fi­ciel­le Pros­ti­tu­ti­on ver­schwin­det.

Den Kom­mu­nis­ten ist fer­ner vor­ge­wor­fen wor­den, sie woll­ten das Va­ter­land, die Na­ti­o­na­lität ab­schaf­fen. Die Ar­bei­ter ha­ben kein Va­ter­land. Man kann ih­nen nicht nehmen, was sie nicht ha­ben. In­dem das Pro­le­ta­ri­at zunächst sich die po­li­ti­sche Her­r­schaft ero­bern, sich zur na­ti­o­na­len Klas­se er­he­ben, sich selbst als Na­ti­on kon­sti­tui­ren muß, ist es selbst noch na­ti­o­nal, wenn auch kei­nes­wegs im Sin­ne der Bour­geoi­sie. Die na­ti­o­na­len Abson­der­un­gen und Ge­gensät­ze der Vö­l­ker ver­schwin­den mehr und mehr schon mit der Ent­wick­lung der Bour­geoi­sie, mit der Han­dels­frei­heit, dem Welt­markt, der Gleich­för­mig­keit der in­du­striel­len Pro­duk­ti­on und der ihr ents­pre­chen­den Leb­ens­ver­hält­nis­se. Die Her­r­schaft des Pro­le­ta­ri­ats wird sie noch mehr ver­schwin­den ma­chen. Ver­ei­nig­te Ak­ti­on we­nig­stens der ci­vi­li­sir­ten Län­der ist ei­ne der er­sten Be­din­gun­gen sei­ner Be­frei­ung. In dem Maße wie die Ex­ploita­ti­on des ei­nen In­di­vi­d­uums durch das an­de­re auf­ge­ho­ben wird, wird die Ex­ploita­ti­on ei­ner Na­ti­on durch die an­de­re auf­ge­ho­ben. Mit dem Ge­gen­satz der Klas­sen im In­nern der Na­ti­on fällt die feind­li­che Stel­lung der Na­ti­o­nen ge­gen ei­nan­der.

Die An­kla­gen ge­gen den Kom­mu­nis­mus, die von re­li­giö­sen, phi­lo­so­phi­schen und ide­o­lo­gi­schen Ge­sichts­punk­ten über­haupt er­ho­ben wer­den, ver­die­nen kei­ne aus­f­ühr­li­che­re Erör­terung. Be­darf es tie­fer Ein­sicht, um zu be­grei­fen, daß mit den Leb­ens­ver­hält­nis­sen der Men­schen, mit ihren ge­sell­schaft­li­chen Be­zie­hun­gen, mit ihrem ge­sell­schaft­li­chen Da­sein auch ihre Vor­stel­lun­gen, Anschauun­gen und Be­grif­fe, mit ei­nem Wor­te auch ihr Be­wußt­sein sich än­dert? Was be­weist die Ge­schich­te der Id­een an­ders, als daß die geis­ti­ge Pro­duk­ti­on sich mit der ma­te­riel­len um­ge­stal­tet. Die her­r­schen­den Id­een ei­ner Zeit wa­ren stets nur die Id­een der her­r­schen­den Klas­se.

Man spricht von Id­een, wel­che ei­ne gan­ze Ge­sell­schaft re­vo­lu­ti­o­ni­ren; man spricht da­mit nur die Thats­ache aus, daß sich in­ner­halb der al­ten Ge­sell­schaft die Ele­men­te ei­ner neu­en ge­bil­det ha­ben, daß mit der Au­flö­sung der al­ten Leb­ens­ver­hält­nis­se die Au­flö­sung der al­ten Id­een glei­chen Sch­ritt hält. Als die al­te Welt im Un­ter­ge­hen be­grif­fen war, wur­den die al­ten Re­li­gi­o­nen von der christ­li­chen Re­li­gi­on be­siegt. Als die christ­li­chen Id­een im 18. Jah­r­hun­dert den Auf­klä­rungs-Id­een un­ter­la­gen, rang die feu­da­le Ge­sell­schaft ihren To­deskampf mit der da­mals re­vo­lu­ti­onä­ren Bour­geoi­sie. Die Id­een der Ge­wis­sens- und Re­li­gi­ons­frei­heit spra­chen nur die Her­r­schaft der frei­en Kon­kur­renz auf dem Ge­bie­te des Ge­wis­sens aus. Aber wird man sa­gen, re­li­giö­se, mo­ra­li­sche, phi­lo­so­phi­sche, po­li­ti­sche, recht­li­che Id­een u. s. w. mo­di­fi­cir­ten sich al­ler­dings im Lauf der ge­schicht­li­chen Ent­wick­lung. Die Re­li­gi­on, die Mo­ral, die Phi­lo­so­p­hie, die Po­li­tik, das Recht er­hiel­ten sich stets in die­sem Wech­sel.

Es gibt zu­dem ewi­ge Wah­r­hei­ten, wie Frei­heit, Ge­rech­tig­keit u. s. w., die al­len ge­sell­schaft­li­chen Zus­tän­den ge­mein­sam sind. Der Kom­mu­nis­mus aber schafft die ewi­gen Wah­r­hei­ten ab, er schafft die Re­li­gi­on ab, die Mo­ral, statt sie neu zu ge­stal­ten, er wi­derspricht al­so al­len bis­he­ri­gen ge­schicht­li­chen Ent­wick­lun­gen. Worauf re­du­cirt sich die­se An­kla­ge? Die Ge­schich­te der gan­zen bis­he­ri­gen Ge­sell­schaft be­weg­te sich in Klas­sen­ge­gensät­zen, die in den ver­schie­de­nen Epo­chen ver­schie­den ge­stal­tet wa­ren. Wel­che Form sie aber auch im­mer an­ge­nom­men, die Aus­beu­tung des ei­nen Theils der Ge­sell­schaft durch den an­dern ist ei­ne al­len ver­gan­ge­nen Jah­r­hun­der­ten ge­mein­sa­me Thats­ache. Kein Wun­der da­her, daß das ge­sell­schaft­li­che Be­wußt­sein al­ler Jah­r­hun­der­te, al­ler Man­nig­fal­tig­keit und Ver­schie­den­heit zum Trotz, in ge­wis­sen ge­mein­sa­men For­men sich be­wegt, For­men, Be­wußtseins­for­men, die nur mit dem gänz­li­chen Ver­schwin­den des Klas­sen­ge­gen­sat­zes sich voll­stän­dig au­flö­sen.

Die kom­mu­nis­ti­sche Re­vo­lu­ti­on ist das ra­di­kal­ste Bre­chen mit den über­lie­fer­ten Ei­genthums-Ver­hält­nis­sen, kein Wun­der, daß in ihrem Ent­wick­lungs­gan­ge am ra­di­kal­sten mit den über­lie­fer­ten Id­een ge­bro­chen wird. Doch las­sen wir die Ein­w­ür­fe der Bour­geoi­sie ge­gen den Kom­mu­nis­mus. Wir sa­hen schon oben, daß der erste Sch­ritt in der Ar­bei­ter-Re­vo­lu­ti­on die Er­he­bung des Pro­le­ta­ri­ats zur her­r­schen­den Klas­se, die Erkämp­fung der De­mo­kra­tie ist. Das Pro­le­ta­ri­at wird sei­ne po­li­ti­sche Her­r­schaft da­zu be­nut­zen der Bour­geoi­sie nach und nach al­les Ka­pi­tal zu en­treißen, al­le Pro­duk­ti­ons-In­stru­men­te in den Hän­den des Staats, d. h. des als her­r­schen­de Klas­se or­ga­ni­s­ir­ten Pro­le­ta­ri­ats zu cen­tra­li­si­ren und die Mas­se der Pro­duk­ti­ons­kräf­te mög­lichst rasch zu ver­mehren. Es kann dies na­t­ür­lich zunächst nur ge­sche­hen ver­mit­telst des­po­ti­scher Ein­grif­fe in das Ei­genthums­recht und in die bür­ger­li­chen Pro­duk­ti­ons-Ver­hält­nis­se, durch Maaß­re­geln al­so, die öko­no­misch un­zu­rei­chend und un­halt­bar er­schei­nen, die aber im Lauf der Be­we­gung über sich selbst hi­naus trei­ben und als Mit­tel zur Um­wäl­zung der gan­zen Pro­duk­ti­ons­wei­se un­ver­meid­lich sind. Die­se Maaß­re­geln wer­den na­t­ür­lich je nach den ver­schie­de­nen Län­dern ver­schie­den sein. Für die fort­ge­sch­rit­ten­sten Län­der wer­den je­doch die fol­gen­den ziem­lich all­ge­mein in An­wen­dung kom­men kön­nen:

1) Ex­prop­ri­a­ti­on des Grund­ei­genthums und Ver­wen­dung der Grund­ren­te zu Staatsaus­ga­ben.

2) Star­ke Pro­gres­siv-Steu­er.

3) Ab­schaf­fung des Er­brechts.

4) Kon­fis­kat­ion des Ei­genthums al­ler Emi­gran­ten und Re­bel­len.

5) Cen­tra­li­sa­ti­on des Kre­dits in den Hän­den des Staats durch ei­ne Na­ti­o­n­al­bank mit Staats­ka­pi­tal und aus­schließ­li­chem Mo­no­pol.

6) Cen­tra­li­sa­ti­on al­les Trans­port­we­sens in den Hän­den des Staats.

7) Ver­mehrung der Na­ti­on­al­fa­bri­ken, Pro­duk­ti­ons-In­stru­men­te, Ur­bar­ma­chung und Ver­bes­se­rung der Län­derei­en nach ei­nem ge­mein­schaft­li­chen Plan.

8) Glei­cher Ar­beits­zwang für Al­le, Er­richt­ung in­du­striel­ler Ar­meen be­son­ders für den Ac­ker­bau.

9) Ver­ei­ni­g­ung des Be­triebs von Ac­ker­bau und In­du­strie, Hin­wir­ken auf die allmä­h­li­ge Be­sei­tig­ung des Ge­gen­sat­zes von Stadt und Land.

10) Oef­fent­li­che und unent­gelt­li­che Er­zie­hung al­ler Kin­der. Be­sei­tig­ung der Fa­bri­kar­beit der Kin­der in ihrer heu­ti­gen Form. Ver­ei­ni­g­ung der Er­zie­hung mit der ma­te­riel­len Pro­duk­ti­on u. s. w., u. s. w.

Sind im Lau­fe der Ent­wick­lung die Klas­senun­ter­schie­de ver­schwun­den, und ist al­le Pro­duk­ti­on in den Hän­den der as­so­cir­ten In­di­vi­du­en kon­cen­trirt, so ver­liert die öf­fent­li­che Ge­walt den po­li­ti­schen Cha­rak­ter. Die po­li­ti­sche Ge­walt im ei­gent­li­chen Sinn ist die or­ga­ni­s­ir­te Ge­walt ei­ner Klas­se zur Un­ter­drüc­kung ei­ner an­dern. Wenn das Pro­le­ta­ri­at im Kamp­fe ge­gen die Bour­geoi­sie sich no­th­wen­dig zur Klas­se ver­eint, durch ei­ne Re­vo­lu­ti­on sich zur her­r­schen­den Klas­se macht, und als her­r­schen­de Klas­se ge­waltsam die al­ten Pro­duk­ti­ons-Ver­hält­nis­se auf­hebt, so hebt es mit die­sen Pro­duk­ti­ons-Ver­hält­nis­sen die Exis­tenz-Be­din­gun­gen des Klas­sen­ge­gen­sat­zes der Klas­sen über­haupt, und da­mit sei­ne ei­ge­ne Her­r­schaft als Klas­se auf.

An die Stel­le der al­ten bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft mit ihren Klas­sen und Klas­sen-Ge­gensät­zen tritt ei­ne As­so­ci­a­ti­on, wo­rin die freie Ent­wick­lung ei­nes Je­den, die Be­din­gung für die freie Ent­wick­lung Al­ler ist.

III. Socialistische und kommunistische Literatur.

1. Der reaktionaire Socialismus.

1a. Der feudale Socialismus.

Die fran­zö­si­sche und en­gli­sche Ari­s­to­kra­tie war ihrer ge­schicht­li­chen Stel­lung nach da­zu beru­fen, Pamphle­te ge­gen die mo­der­ne bür­ger­li­che Ge­sell­schaft zu schrei­ben. In der fran­zö­si­schen Ju­li­re­vo­lu­ti­on von 1830, in der en­gli­schen Re­form­be­we­gung war sie noch ein­mal dem ver­haß­ten Emp­orkömm­ling er­le­gen. Von ei­nem ern­sten po­li­ti­schen Kamp­fe kon­n­te nicht mehr die Re­de sein. Nur der [17] li­te­ra­ri­sche Kampf blieb ihr übrig. Aber auch auf dem Ge­bie­te der Li­te­ra­tur wa­ren die al­ten Re­densar­ten der Res­tau­ra­ti­ons­zeit un­mög­lich ge­wor­den. Um Sym­pa­thie zu er­re­gen, muß­te die Ari­s­to­kra­tie schein­bar ihre In­te­res­sen aus den Au­gen ver­lie­ren und nur noch im In­ter­res­se der ex­ploi­tir­ten Ar­bei­ter­klas­se ihren An­kla­ge­akt ge­gen die Bour­geoi­sie for­mu­li­ren. Sie be­rei­tete sich so die Ge­nugthuung vor, Schmä­h­lie­der auf ihren neu­en Her­r­scher sin­gen und mehr oder min­der un­heil­schwan­ge­re Prop­he­zei­hun­gen ihm in’s Ohr rau­nen zu dür­fen.

Auf die­se Art ent­stand der feu­da­lis­ti­sche So­ci­a­lis­mus, halb Kla­ge­lied, halb Pas­quill, halb Rück­hall der Ver­gan­gen­heit, halb Dräuen der Zu­kunft, mi­tun­ter die Bour­geoi­sie in’s Herz tref­fend durch bit­tres, geistreich zer­reißen­des Urt­heil, stets ko­misch wir­kend durch gänz­li­che Un­fä­hig­keit den Gang der mo­der­nen Ge­schich­te zu be­grei­fen.

Den pro­le­ta­ri­schen Bett­lersack schwenk­ten sie als Fah­ne in der Hand, um das Volk hin­ter sich her zu ver­sam­meln. So oft es ih­nen aber folg­te, er­blick­te es auf ihrem Hin­tern die al­ten feu­da­len Wap­pen und ver­lief sich mit lau­tem und unehrer­bie­ti­gem Geläch­ter. Ein Theil der fran­zö­si­schen Le­gi­ti­mis­ten und das jun­ge En­g­land ga­ben dies Schaus­piel zum Bes­ten. Wenn die Feu­da­len be­wei­sen, daß ihre Wei­se der Aus­beu­tung an­ders ge­stal­tet war als die bür­ger­li­che Aus­beu­tung, so ver­ges­sen sie nur, daß sie un­ter gänz­lich ver­schie­de­nen und jetzt über­leb­ten Um­stän­den und Be­din­gun­gen aus­beu­te­ten. Wenn sie nach­wei­sen, daß un­ter ihrer Her­r­schaft nicht das mo­der­ne Pro­le­ta­ri­at exis­tirt hat, so ver­ges­sen sie nur, daß eben die mo­der­ne Bour­geoi­sie ein no­th­wen­di­ger Spröß­ling ihrer Ge­sell­schafts­ord­nung war. Ue­bri­gens ver­heim­li­chen sie den reak­ti­onä­ren Cha­rak­ter ihrer Kri­tik so we­nig, daß ihre Hauptan­kla­ge ge­gen die Bour­geoi­sie eben da­rin be­steht, un­ter ihrem Re­gime ent­wic­ke­le sich ei­ne Klas­se, wel­che die gan­ze al­te Ge­sell­schafts­ord­nung in die Luft spren­gen wer­de. Sie wer­fen der Bour­geoi­sie mehr noch vor, daß sie ein re­vo­lu­ti­onä­res Pro­le­ta­ri­at, als daß sie über­haupt ein Pro­le­ta­ri­at er­zeugt.

In der po­li­ti­schen Praxis nehmen sie da­her an al­len Ge­walt­maß­re­geln ge­gen die Ar­bei­ter­klas­se Theil, und im ge­wöhn­li­chen Leb­en be­que­men sie sich, al­len ihren auf­ge­blä­h­ten Re­densar­ten zum Trotz, die gol­de­nen Aep­fel auf­zu­le­sen, und Treue, Lie­be, Ehre mit dem Scha­cher in Schaafs­wol­le, Run­kel­r­üben und Schnapps zu vertau­schen. Wie der Pf­af­fe im­mer Hand in Hand ging mit dem Feu­da­len, so der pfäf­fi­sche So­ci­a­lis­mus mit dem feu­da­lis­ti­schen. Nichts leich­ter, als dem christ­li­chen As­ce­tis­mus ei­nen so­ci­a­lis­ti­schen An­strich zu ge­ben. Hat das Chris­tenthum nicht auch ge­gen das Pri­vatei­genthum, ge­gen die Ehe, ge­gen den Staat geei­fert? Hat es nicht die Wohl­thä­tig­keit und den Bet­tel, das Cö­li­bat und die Fleis­che­sertöd­tung, das Zel­len­le­ben und die Kir­che an ihre Stel­le ge­pre­digt? Der hei­ti­ge So­ci­a­lis­mus ist nur das Weih­was­ser, wo­mit der Pf­af­fe den Ae­r­ger des Ari­s­to­kra­ten ein­seg­net.

1b. Kleinbürgerlicher Socialismus.

Die feu­da­le Ari­s­to­kra­tie ist nicht die ein­zi­ge Klas­se, wel­che durch die Bour­geoi­sie ge­st­ürzt wur­de, de­ren Leb­ens­be­din­gun­gen in der mo­der­nen bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft ver­küm­mer­ten und ab­st­ar­ben. Das mit­tel­al­ter­li­che Pfah­l­bür­gert­hum und der klei­ne Bau­ern­stand wa­ren die Vor­läu­fer der mo­der­nen Bour­geoi­sie. In den we­ni­ger in­du­striell und kom­mer­ciell ent­wic­kel­ten Län­dern ve­ge­tirt die­se Klas­se noch fort ne­ben der auf­kom­men­den Bour­geoi­sie.

In den Län­dern, wo sich die mo­der­ne Ci­vi­li­sa­ti­on ent­wic­kelt hat, hat sich ei­ne neue Klein­b­ür­ger­schaft ge­bil­det, die zwi­schen dem Pro­le­ta­ri­at und der Bour­geoi­sie schwebt und als er­gän­zen­der Theil der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft stets von Neu­em sich bil­det, de­ren Mit­glie­der aber be­stän­dig durch die Kon­kur­renz in’s Pro­le­ta­ri­at hi­nab­ge­schleu­dert wer­den, ja selbst mit der Ent­wick­lung der großen In­du­strie ei­nen Zeit­punkt he­ran­na­hen se­hen, wo sie als selbst­stän­di­ger Theil der mo­der­nen Ge­sell­schaft gänz­lich ver­schwin­den, und im Han­del, in der Ma­nu­fak­tur, in der Agri­kul­tur durch Ar­beits­auf­seher und Do­mes­ti­ken er­setzt wer­den.

In Län­dern wie in Frank­reich, wo die Bau­ern­klas­se weit mehr als die Hälf­te der Be­vö­l­kerung aus­macht, war es na­t­ür­lich, daß Schrift­stel­ler, die für das Pro­le­ta­ri­at ge­gen die Bour­geoi­sie auf­tra­ten, an ihre Kri­tik des Bourgeoisregime’s den klein­b­ür­ger­li­chen und klein­bäu­er­li­chen Maaßstab an­leg­ten und die Partei der Ar­bei­ter vom Stand­punkt des Klein­b­ür­gert­hums er­grif­fen. Es bil­de­te sich so der klein­b­ür­ger­li­che So­ci­a­lis­mus. Sis­mon­di ist das Haupt die­ser Li­te­ra­tur nicht nur für Frank­reich son­dern auch für En­g­land.

Die­ser So­ci­a­lis­mus zer­glie­der­te höchst scharfsin­nig die Wi­dersprüche in den mo­der­nen Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­sen. Er en­th­üll­te die gleiß­ne­ri­schen Be­schö­ni­g­un­gen der Oe­ko­no­men. Er wies un­wi­der­leg­lich die zerstören­den Wir­kun­gen der Ma­schi­ne­rie und der Thei­lung der Ar­beit nach, die Kon­cen­tra­ti­on der Ka­pi­ta­lien und des Grund­be­sit­zes, die Ue­ber­pro­duk­ti­on, die Kri­sen, den no­th­wen­di­gen Un­ter­gang der klei­nen Bür­ger und Bau­ern, das Elend des Pro­le­ta­ri­ats, die An­ar­chie in der Pro­duk­ti­on, die schrei­en­den Miß­ver­hält­nis­se in der Vert­hei­lung des Reicht­hums, den in­du­striel­len Ver­nicht­ungs­krieg der Na­ti­o­nen un­ter ei­nan­der, die Au­flö­sung der al­ten Sit­ten, der al­ten Fa­mi­lien-Ver­hält­nis­se, der al­ten Na­ti­o­na­litä­ten.

Sei­nem po­si­ti­ven Ge­hal­te nach will je­doch die­ser So­ci­a­lis­mus ent­we­der die al­ten Pro­duk­ti­ons- und Ver­kehr­smit­tel wie­der­her­stel­len und mit ih­nen die al­ten Ei­genthums­ver­hält­nis­se und die al­te Ge­sell­schaft, oder er will die mo­der­nen Pro­duk­ti­ons- und Ver­kehr­smit­tel in den Rah­men der al­ten Ei­genthums­ver­hält­nis­se, die von ih­nen ge­sprengt wer­den, ge­sprengt wer­den muß­ten, ge­waltsam wie­der ein­sper­ren. In bei­den Fäl­len ist er reak­ti­onär und uto­pis­tisch zug­leich. Zunft­we­sen in der Ma­nu­fak­tur und pa­tri­ar­cha­li­sche Wirth­schaft auf dem Lan­de, das sind sei­ne letz­ten Wor­te. In ihrer wei­tern Ent­wick­lung hat sich die­se Richt­ung in ei­nen fei­gen Kat­zen­jam­mer ver­lau­fen.

1c. Der deutsche oder der wahre Socialismus.

Die so­ci­a­lis­ti­sche und kom­mu­nis­ti­sche Li­te­ra­tur Frank­reichs, die un­ter dem Druck ei­ner her­r­schen­den Bour­geoi­sie ent­stand und der li­te­ra­ri­sche Aus­druck des Kamp­fes ge­gen die­se Her­r­schaft ist, wur­de nach Deut­sch­land ein­ge­führt zu ei­ner Zeit, wo die Bour­geoi­sie soe­ben ihren Kampf ge­gen den feu­da­len Ab­so­lu­tis­mus be­gann.

Deut­sche Phi­lo­sop­hen, Halbp­hi­lo­sop­hen und Schön­geis­ter bemäch­tig­ten sich gie­rig die­ser Li­te­ra­tur und ver­gas­sen nur, daß bei der Ein­wan­der­ung je­ner Schrif­ten aus Frank­reich die fran­zö­si­schen Leb­ens­ver­hält­nis­se nicht gleich­zei­tig nach Deut­sch­land ein­ge­wan­dert wa­ren. Den deut­schen Ver­hält­nis­sen ge­gen­über ver­lor die fran­zö­si­sche Li­te­ra­tur al­le un­mit­tel­bar prak­ti­sche Be­deu­tung und nahm ein rein li­te­ra­ris­ches Aus­se­hen an. Als müßi­ge Spe­kula­ti­on über die wah­re Ge­sell­schaft, über die Ver­wir­k­lichung des men­schli­chen We­sens muß­te sie er­schei­nen. So hat­ten für die deut­schen Phi­lo­sop­hen des 18. Jah­r­hund­erts die For­der­un­gen der er­sten fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on nur den Sinn, For­der­un­gen der „prak­ti­schen [19] Ver­nunft“ im All­ge­mei­nen zu sein und die Wil­lensäußerun­gen der re­vo­lu­ti­onä­ren fran­zö­si­schen Bour­geoi­sie be­deu­te­ten in ihren Au­gen die Ge­set­ze des rei­nen Wil­lens, des Wil­lens wie er sein muß, des wah­r­haft men­schli­chen Wil­lens.

Die aus­schließ­li­che Ar­beit der deut­schen Li­te­ra­ten be­stand da­rin, die neu­en fran­zö­si­schen Id­een mit ihrem al­ten phi­lo­so­phi­schen Ge­wis­sen in Ein­klang zu set­zen, oder viel­mehr von ihrem phi­lo­so­phi­schen Stand­punkt aus die fran­zö­si­schen Id­een sich an­zueig­nen. Die­se Aneig­nung ge­schah in der­sel­ben Wei­se, wo­durch man sich über­haupt ei­ne frem­de Spra­che aneig­net, durch die Ue­ber­set­zung.

Es ist be­kan­nt, wie die Mön­che Ma­nu­scrip­te, worauf die klas­si­schen Wer­ke der al­ten Hei­den­zeit ver­zeich­net wa­ren, mit ab­ge­sch­mack­ten ka­tho­li­schen Hei­li­gen­ge­schich­ten über­schrie­ben. Die deut­schen Li­te­ra­ten gin­gen um­ge­kehrt mit der pro­fa­nen fran­zö­si­schen Li­te­ra­tur um. Sie schrie­ben ihren phi­lo­so­phi­schen Un­sinn hin­ter das fran­zö­si­sche Or­gi­nal. Z. B. hin­ter die fran­zö­si­sche Kri­tik der Geld­ver­hält­nis­se schrie­ben sie „Entäußerung des men­schli­chen We­sens“, hin­ter die fran­zö­si­sche Kri­tik des Bour­geoisstaats schrie­ben sie „Auf­he­bung der Her­r­schaft des ab­strakt All­ge­mei­nen“ u. s. w.. Die­se Un­ter­schie­bung ihrer phi­lo­so­phi­schen Re­densar­ten un­ter die fran­zö­si­schen Ent­wick­lun­gen tauf­te sie „Phi­lo­so­p­hie der That“, „wah­rer So­ci­a­lis­mus“, „Deut­sche Wis­sen­schaft des So­ci­a­lis­mus“, „Phi­lo­so­phi­sche Be­grün­dung des So­ci­a­lis­mus“ u. s. w..

Die fran­zö­sisch-so­ci­a­lis­tisch kom­mu­nis­ti­sche Li­te­ra­tur wur­de so förm­lich ent­man­nt. Und da sie in der Hand des Deut­schen auf­hör­te, den Kampf ei­ner Klas­se ge­gen die an­d­re aus­zud­rüc­ken, so war der Deut­sche sich be­wußt, die fran­zö­si­sche Ein­sei­tig­keit über­wun­den, statt wah­rer Be­d­ürf­nis­se, das Be­d­ürf­niß der Wah­r­heit, und statt die In­te­res­sen des Pro­le­ta­riers die In­te­res­sen des men­schli­chen We­sens, des Men­schen über­haupt ver­tre­ten zu ha­ben, des Men­schen, der kei­ner Klas­se, der über­haupt nicht der Wir­k­lich­keit, der nur dem Dunst­him­mel der phi­lo­so­phi­schen Phan­ta­sie an­ge­hört. Die­ser deut­sche So­ci­a­lis­mus, der sei­ne un­be­hol­f­enen Schul­übun­gen so ernst und fei­er­lich nahm und so markt­schrei­e­risch aus­po­saun­te, ver­lor in­deß nach und nach sei­ne pe­dan­ti­sche Un­schuld. Der Kampf der deut­schen na­ment­lich der preußi­schen Bour­geoi­sie ge­gen die Feu­da­len und das ab­so­lu­te Kö­nigthum, mit ei­nem Wort, die li­be­ra­le Be­we­gung wur­de ernst­haf­ter.

Dem wah­ren So­ci­a­lis­mus war so die er­w­ün­sch­te Ge­le­gen­heit ge­bo­ten, der po­li­ti­schen Be­we­gung die so­ci­a­lis­ti­schen For­der­un­gen ge­gen­über zu stel­len. Die über­lie­fer­ten Ana­the­me ge­gen den Li­be­ra­lis­mus, ge­gen den Re­prä­sen­ta­tiv-Staat, ge­gen die bür­ger­li­che Kon­kur­renz, bür­ger­li­che Preßfrei­heit, bür­ger­li­ches Recht, bür­ger­li­che Frei­heit und Gleich­heit zu schleu­dern und der Volks­mas­se vor­zu­pre­di­gen, wie sie bei die­ser bür­ger­li­chen Be­we­gung nichts zu ge­win­nen, viel­mehr Al­les zu ver­lie­ren ha­be. Der deut­sche So­ci­a­lis­mus ver­gaß recht­zei­tig, daß die fran­zö­si­sche Kri­tik, de­ren geist­lo­ses Echo er war, die mo­der­ne bür­ger­li­che Ge­sell­schaft mit den ents­pre­chen­den ma­te­riel­len Leb­ens­be­din­gun­gen und der an­ge­mes­se­nen po­li­ti­schen Kon­sti­tu­ti­on vo­raus­setzt, lau­ter Vo­raus­set­zun­gen, um de­ren Erkämp­fung es sich erst in Deut­sch­land han­del­te. Er dien­te den deut­schen ab­so­lu­ten Re­gie­run­gen mit ihrem Ge­fol­ge von Pf­af­fen, Schul­meis­tern, Krau­tjun­kern und Büreauk­ra­ten als er­w­ün­sch­te Vo­gel­scheu­che ge­gen die dro­hend auf­stre­ben­de Bour­geoi­sie. Er bil­de­te die süß­li­che Er­gän­zung zu den bit­tern Peit­s­chen­hie­ben und Flin­ten­ku­geln, wo­mit die­sel­ben Re­gie­run­gen die deut­schen Ar­bei­ter-Aufstän­de be­ar­bei­teten.

Ward der wah­re So­ci­a­lis­mus der­ge­stalt ei­ne Waf­fe in der Hand der Re­gie­run­gen ge­gen die deut­sche Bour­geoi­sie, so ver­trat er auch un­mit­tel­bar ein reak­ti­onä­res In­te­res­se, das In­te­res­se der deut­schen Pfah­l­bür­ger­schaft. In Deut­sch­land bil­det das vom sech­ze­hn­ten Jah­r­hun­dert her über­lie­fer­te und seit der Zeit in ver­schie­de­ner Form hier im­mer neu wie­der auf­tau­chen­de Klein­b­ür­gert­hum die ei­gent­li­che ge­sell­schaft­li­che Grund­la­ge der be­ste­hen­den Zus­tän­de. Sei­ne Er­hal­tung ist die Er­hal­tung der be­ste­hen­den deut­schen Zus­tän­de. Von der in­du­striel­len und po­li­ti­schen Her­r­schaft der Bour­geoi­sie fürch­tet es den si­chern Un­ter­gang, ei­ner Seits in Fol­ge der Kon­cen­tra­ti­on des Ka­pi­tals, an­de­rer Seits durch das Auf­kom­men ei­nes re­vo­lu­ti­onä­ren Pro­le­ta­ri­ats. Der wah­re So­ci­a­lis­mus schien ihm bei­de Flie­gen mit ei­ner Klap­pe zu schla­gen. Er ver­brei­tete sich wie ei­ne Epi­de­mie.

Das Ge­wand, ge­wirkt aus spe­kula­ti­vem Spin­n­web, über­stickt mit schön­geis­ti­gen Re­de­blu­men, durcht­ränkt von lie­bes­schw­ülem Gem­üthst­hau, dies über­schwäng­li­che Ge­wand, wo­rin die deut­schen So­ci­a­lis­ten ihre paar knöcher­nen ewi­gen Wah­r­hei­ten ein­h­üll­ten, ver­mehr­te nur den Abs­atz ihrer Waare bei die­sem Pu­blikum. Sei­ner Seits er­kan­n­te der deut­sche So­ci­a­lis­mus im­mer mehr sei­nen Beruf, der hocht­ra­ben­de Ver­tre­t­er die­ser Pfah­l­bür­ger­schaft zu sein. Er pro­kla­mir­te die deut­sche Na­ti­on als die nor­ma­le Na­ti­on und den deut­schen Spieß­b­ür­ger als den Nor­mal-Men­schen. Er gab je­der Nie­der­tracht des­sel­ben ei­nen ver­bor­ge­nen höhe­ren so­ci­a­lis­ti­schen Sinn, wo­rin sie ihr Ge­gent­heil be­deu­te­te. Er zog die letz­te Kon­se­quenz, in­dem er di­rekt ge­gen die roh­de­st­ruk­ti­ve Richt­ung des Kom­mu­nis­mus auf­trat, und sei­ne un­partei­i­sche Er­ha­ben­heit über al­le Klas­sen­kämp­fe ver­kün­de­te. Mit sehr we­ni­gen Aus­nah­men ge­hören al­les, was in Deut­sch­land von an­ge­blich so­ci­a­lis­ti­schen und kom­mu­nis­ti­schen Schrif­ten cir­ku­lirt, in den Be­reich die­ser sch­mut­zi­gen ent­ner­ven­den Li­te­ra­tur.

2. Der konservative oder Bourgeois-Socialismus.

Ein Theil der Bour­geoi­sie wün­scht den so­ci­a­len Mißstän­den ab­zu­hel­fen, um den Be­stand der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft zu si­chern.

Es ge­hören hier­her, Oe­ko­no­mis­ten, Phi­lan­tro­pen, Hu­ma­ni­tä­re, Ver­bes­se­rer der La­ge der ar­bei­ten­den Klas­sen, Wohl­thä­tig­kei­ts-Or­ga­ni­s­i­rer, Ab­schaf­fer der Thier­quäle­rei, Mäßig­kei­ts-Ver­eins­stif­ter, Win­kel­re­for­mer der bunt­s­chec­kig­sten Art. Und auch zu gan­zen Sys­te­men ist die­ser Bour­geois-So­ci­a­lis­mus aus­ge­ar­bei­tet wor­den. Als Bei­spiel führen wir Proudhon’s Phi­lo­so­p­hie de la mi­sè­re an.

Die so­ci­a­lis­ti­schen Bour­geois wol­len die Leb­ens­be­din­gun­gen der mo­der­nen Ge­sell­schaft oh­ne die no­th­wen­dig da­raus her­vor­ge­hen­den Kämp­fe und Ge­fah­ren. Sie wol­len die be­ste­hen­de Ge­sell­schaft mit Ab­zug der sie re­vo­lu­ti­o­ni­ren­den und sie au­flö­sen­den Ele­men­te. Sie wol­len die Bour­geoi­sie oh­ne das Pro­le­ta­ri­at. Die Bour­geoi­sie stellt sich die Welt, wo­rin sie her­r­scht, na­t­ür­lich als die bes­te Welt vor. Der Bour­geois-So­ci­a­lis­mus ar­bei­tet die­se trös­t­li­che Vor­stel­lung zu ei­nem hal­ben oder gan­zen Sy­s­tem aus. Wenn er das Pro­le­ta­ri­at auf­for­dert sei­ne Sys­te­me zu ver­wir­k­li­chen, um in das neue Je­rusa­lem ein­zu­ge­hen, so ver­langt er im Grun­de nur, daß es in der jet­zi­gen Ge­sell­schaft ste­hen blei­be, aber sei­ne ge­häs­si­gen Vor­stel­lun­gen von der­sel­ben abstrei­fe.

Ei­ne zwei­te, we­ni­ger sys­te­ma­ti­sche und mehr prak­ti­sche Form des So­ci­a­lis­mus such­te der Ar­bei­ter­klas­se je­de re­vo­lu­ti­onä­re Be­we­gung zu ver­lei­den, durch den Nach­weis, wie nicht die­se oder je­ne po­li­ti­sche Ver­än­der­ung, son­dern nur ei­ne Ver­än­der­ung der ma­te­riel­len Leb­ens­ver­hält­nis­se, der öko­no­mi­schen Ver­hält­nis­se ihr von Nut­zen sein kön­ne. Un­ter Ver­än­der­ung der ma­te­riel­len Leb­ens­ver­hält­nis­se ver­steht die­ser So­ci­a­lis­mus aber kei­nes­wegs Ab­schaf­fung der bür­ger­li­chen Pro­duk­ti­ons-Ver­hält­nis­se, die nur auf re­vo­lu­ti­onä­rem We­ge mög­lich ist, son­dern ad­mi­ni­stra­ti­ve Ver­bes­se­run­gen, die auf dem Bo­den die­ser Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se vor sich ge­hen; al­so an dem Ver­hält­niß von Ka­pi­tal und Lo­hn­ar­beit nichts än­dern, son­dern im bes­ten Fall der Bour­geoi­sie die Kos­ten ihrer Her­r­schaft ver­min­dern und ihren Staats­haus­halt ver­ein­fa­chen. Sei­nen ents­pre­chen­den Aus­druck er­reicht der Bour­geois-So­ci­a­lis­mus erst da, wo er zur bloßen red­ne­ri­schen Fi­gur wird.

Frei­er Han­del! im In­te­res­se der ar­bei­ten­den Klas­se; Schutz­zö­l­le! im In­te­res­se der ar­bei­ten­den Klas­se; Zel­len­ge­fäng­nis­se! im In­te­res­se der ar­bei­ten­den Klas­se, das ist das letz­te, das ein­zig ernst ge­mein­te Wort des Bour­geois-So­ci­a­lis­mus. Ihr So­ci­a­lis­mus be­steht eben in der Be­hauptung, daß die Bour­geois Bour­geois sind — im In­te­res­se der ar­bei­ten­den Klas­se.

3. Der kritisch-utopistische Socialismus und Kommunismus.

Wie re­den hier nicht von der Li­te­ra­tur, die in al­len großen mo­der­nen Re­vo­lu­ti­o­nen die For­der­un­gen des Pro­le­ta­ri­ats aus­sprach. (Schrif­ten Ba­beufs u. s. w.). Die er­sten Ver­su­che des Pro­le­ta­ri­ats in ei­ner Zeit all­ge­meiner Au­fre­gung, in der Pe­ri­o­de des Um­stur­zes der feu­da­len Ge­sell­schaft di­rekt sein ei­ge­nes Klas­sen­in­te­res­se dur­ch­zu­s­et­zen, schei­ter­ten no­th­wen­dig an der unent­wic­kel­ten Ge­stalt des Pro­le­ta­ri­ats selbst, wie an dem Man­gel der ma­te­riel­len Be­din­gun­gen sei­ner Be­frei­ung, die eben erst das Pro­dukt der bür­ger­li­chen Epo­che sind. Die re­vo­lu­ti­onä­re Li­te­ra­tur, wel­che die­se er­sten Be­we­gun­gen des Pro­le­ta­ri­ats be­glei­tete, ist dem In­halt nach no­th­wen­dig reak­ti­onär. Sie lehrt ei­nen all­ge­mei­nen As­ce­tis­mus und ei­ne ro­he Gleich­ma­che­rei.

Die ei­gent­lich so­ci­a­lis­ti­schen und kom­mu­nis­ti­schen Sys­te­me, die Sys­te­me St. Si­mons, Fou­riers, Owens u. s. w. tau­chen auf in der er­sten unent­wic­kel­ten Pe­ri­o­de des Kampfs zwi­schen Pro­le­ta­ri­at und Bour­geoi­sie, die wir oben dar­ge­stellt ha­ben. (S. Bour­geoi­sie und Pro­le­ta­ri­at.) Die Erfin­der die­ser Sys­te­me se­hen zwar den Ge­gen­satz der Klas­sen, wie die Wirksam­keit der au­flö­sen­den Ele­men­te in der her­r­schen­den Ge­sell­schaft selbst. Aber sie er­blic­ken auf der Sei­te der Pro­le­ta­ri­ats kei­ne ge­schicht­li­che Selbst­thä­tig­keit, kei­ne ihm ei­gen­th­üm­li­che po­li­ti­sche Be­we­gung. Da die Ent­wick­lung des Klas­sen­ge­gen­sat­zes glei­chen Sch­ritt hält mit der Ent­wick­lung der In­du­strie, fin­den sie eben so we­nig die ma­te­riel­len Be­din­gun­gen zur Be­frei­ung des Pro­le­ta­ri­ats vor, und su­chen nach ei­ner so­ci­a­len Wis­sen­schaft, nach so­ci­a­len Ge­set­zen, um die­se Be­din­gun­gen zu schaf­fen.

An die Stel­le der ge­sell­schaft­li­chen Thä­tig­keit muß ihre persön­lich erfin­de­ri­sche Thä­tig­keit tre­ten, an die Stel­le der ge­schicht­li­chen Be­din­gun­gen der Be­frei­ung phan­tas­ti­sche, an die Stel­le der allmä­h­lich vor sich ge­hen­den Or­ga­ni­sa­ti­on des Pro­le­ta­ri­ats zur Klas­se ei­ne ei­gens aus­ge­heck­te Or­ga­ni­sa­ti­on der Ge­sell­schaft. Die kom­men­de Welt­ge­schich­te löst sich für sie auf in die Pro­pa­gan­da und die prak­ti­sche Aus­f­ührung ihrer Ge­sell­schafts­plä­ne. Sie sind sich zwar be­wußt, in ihren Plä­nen hauptsäch­lich das In­te­res­se der ar­bei­ten­den Klas­se als der lei­dend­sten Klas­se zu ver­tre­ten. Nur un­ter die­sem Ge­sichts­punkt der lei­dend­sten Klas­se exis­tirt das Pro­le­ta­ri­at für sie. Die unent­wic­kel­te Form des Klas­sen­kamp­fes, wie ihre ei­ge­ne Leb­en­sla­ge brin­gen es aber mit sich, daß sie weit über je­nen Klas­sen­ge­gen­satz er­ha­ben zu sein glau­ben. Sie wol­len die Leb­en­sla­ge al­ler Ge­sell­schafts­g­lie­der, auch der best­ge­stell­ten ver­bes­sern. Sie ap­pel­li­ren da­her fort­wä­hrend an die gan­ze Ge­sell­schaft oh­ne Un­ter­schied, ja vor­zugs­wei­se an die her­r­schen­de Klas­se. Man braucht ihr Sy­s­tem ja nur zu ver­ste­hen, um es als den best­mög­li­chen Plan der best­mög­li­chen Ge­sell­schaft an­zu­er­ken­nen. Sie ver­wer­fen da­her al­le po­li­ti­sche, na­ment­lich al­le re­vo­lu­ti­onä­re Ak­ti­on, sie wol­len ihr Ziel auf fried­li­chem We­ge er­rei­chen und ver­su­chen durch klei­ne na­t­ür­lich fehl­schla­gen­de Ex­pe­ri­men­te, durch die Macht des Bei­spiels dem neu­en ge­sell­schaft­li­chen Evan­ge­li­um Bahn zu bre­chen.

Die­se phan­tas­ti­sche Schil­der­ung der zuk­ünf­ti­gen Ge­sell­schaft entspricht in ei­ner Zeit, wo das Pro­le­ta­ri­at noch höchst unent­wic­kelt ist, al­so selbst noch phan­tas­tisch sei­ne ei­ge­ne Stel­lung auf­faßt, sei­nem er­sten ah­nungs­vol­len Drän­gen nach ei­ner all­ge­mei­nen Um­ge­stal­tung der Ge­sell­schaft. Die so­ci­a­lis­ti­schen und kom­mu­nis­ti­schen Schrif­ten be­ste­hen aber auch aus kri­ti­schen Ele­men­ten. Sie grei­fen al­le Grund­la­gen der be­ste­hen­den Ge­sell­schaft an. Sie ha­ben da­her höchst wer­th­vol­les Ma­te­ri­al zur Auf­klä­rung der Ar­bei­ter ge­lie­fert. Ihre po­si­ti­ven Sät­ze über die zuk­ünf­ti­ge Ge­sell­schaft, z. B., Auf­he­bung des Ge­gen­sat­zes von Stadt und Land, der Fa­mi­lie, des Pri­va­ter­werbs, der Lo­hn­ar­beit, die Ver­kün­dung der ge­sell­schaft­li­chen Har­mo­nie, die Ver­wand­lung des Staats in ei­ne bloße Ver­wal­tung der Pro­duk­ti­on – al­le die­se ihre Sät­ze drüc­ken blos das Weg­fal­len des Klas­sen­ge­gen­sat­zes aus, der eben erst sich zu ent­wic­keln be­gin­nt, den sie nur noch in sei­ner er­sten ge­stalt­lo­sen Un­be­s­timmt­heit ken­nen. Die­se Sät­ze selbst ha­ben da­her noch ei­nen rein uto­pis­ti­schen Sinn.

Die Be­deu­tung des kri­ti­schen uto­pis­ti­schen So­ci­a­lis­mus und Kom­mu­nis­mus steht im um­ge­kehr­ten Ver­hält­niß zur ge­schicht­li­chen Ent­wick­lung. In dem­sel­ben Maaße, wo­rin der Klas­sen­kampf sich ent­wic­kelt und ge­stal­tet, ver­liert die­se phan­tas­ti­sche Er­he­bung über den­sel­ben, die­se phan­tas­ti­sche Bekämp­fung des­sel­ben, al­len prak­ti­schen Werth, al­le the­o­re­ti­sche Be­rech­tig­ung. Wa­ren da­her die Ur­he­ber die­ser Sys­te­me auch in vie­ler Be­zie­hung re­vo­lu­ti­onär, so bil­den ihre Schüler je­de­s­mal reak­ti­onä­re Sek­ten. Sie hal­ten die al­ten Anschauun­gen der Meis­ter fest ge­gen­über der ge­schicht­li­chen For­tent­wick­lung des Pro­le­ta­ri­ats. Sie su­chen da­her kon­se­quent den Klas­sen­kampf wie­der ab­zu­s­tump­fen und die Ge­gensät­ze zu ver­mit­teln. Sie träu­men noch im­mer die ver­suchs­wei­se Ver­wir­k­lichung ihrer ge­sell­schaft­li­chen Uto­pien, Stif­tung ein­zel­ner Pha­lanste­re, Grün­dung von ho­me-Co­lo­nien, Er­richt­ung ei­nes klei­nen Ica­riens, – Duo­dez-Aus­ga­be des neu­en Je­rusa­lems – und zum Auf­bau al­ler die­ser spa­ni­schen Schlös­ser müs­sen sie an die Phi­lan­tro­pie der bür­ger­li­chen Her­zen und Geldsäc­ke ap­pel­li­ren. Allmä­h­lig fal­len sie in die Ca­te­go­rie der oben ge­schil­der­ten reak­ti­onä­ren oder kon­ser­va­ti­ven So­ci­a­lis­ten, und un­ter­schei­den sich nur mehr von ih­nen durch mehr sys­te­ma­ti­sche Pe­dan­te­rie, durch den fa­na­ti­schen Aberglau­ben an die Wun­der­wir­kun­gen ihrer so­ci­a­len Wis­sen­schaft. Sie tre­ten da­her mit Er­bit­terung al­ler po­li­ti­schen Be­we­gung der Ar­bei­ter ent­ge­gen, die nur aus blin­dem Un­glau­ben an das neue Evan­ge­li­um her­vor­ge­hen kon­n­te. Die Owe­nis­ten in En­g­land, die Fou­rie­ris­ten in Frank­reich, re­a­gi­ren dort ge­gen die Char­tis­ten, hier ge­gen die Re­for­mis­ten.

IV. Stellung der Kommunisten zu den verschiedenen oppositionellen Parteien.

Nach Ab­schnitt 2 ver­steht sich das Ver­hält­niß der Kom­mu­nis­ten zu den be­reits kon­sti­tuir­ten Ar­bei­ter­partei­en von selbst, al­so ihr Ver­hält­niß zu den Char­tis­ten in En­g­land und den agra­ri­schen Re­for­mern in Nor­da­me­ri­ka. Sie kämp­fen für die Er­reichung der un­mit­tel­bar vor­lie­gen­den Zwec­ke und In­te­res­sen der Ar­bei­ter­klas­se, aber sie ver­tre­ten in der ge­gen­wär­ti­gen Be­we­gung zug­leich die Zu­kunft der Be­we­gung. In Frank­reich schließen sich die Kom­mu­nis­ten an die so­ci­a­lis­tisch-de­mo­kra­ti­sche Partei an ge­gen die kon­ser­va­ti­ve und ra­di­ka­le Bour­geoi­sie, oh­ne da­rum das Recht auf­zu­ge­ben sich kri­tisch zu den aus der re­vo­lu­ti­onä­ren Ue­ber­lie­ferung her­r­ühren­den Phra­sen und Il­lu­si­o­nen zu ver­hal­ten.

In der Schweiz un­ter­st­üt­zen sie die Ra­di­ka­len, oh­ne zu ver­ken­nen, daß die­se Partei aus wi­derspre­chen­den Ele­men­ten be­steht, theils aus de­mo­kra­ti­schen So­ci­a­lis­ten im fran­zö­si­schen Sinn, theils aus ra­di­ka­len Bour­geois. Un­ter den Po­len un­ter­st­üt­zen die Kom­mu­nis­ten die Partei, wel­che ei­ne agra­ri­sche Re­vo­lu­ti­on zur Be­din­gung der na­ti­o­na­len Be­frei­ung macht. Die­sel­be Partei, wel­che die Kra­kau­er In­sur­rek­ti­on von 1846 in’s Leb­en rief. In Deut­sch­land kämpft die kom­mu­nis­ti­sche Partei, so­bald die Bour­geoi­sie re­vo­lu­ti­onär auf­t­ritt, ge­mein­sam mit der Bour­geoi­sie ge­gen die ab­so­lu­te Mo­nar­chie, das feu­da­le Grund­ei­genthum und die Klein­b­ür­ge­rei. Sie un­ter­läßt aber kei­nen Au­gen­blick bei den Ar­bei­tern ein mög­lichst kla­res Be­wußt­sein über den feind­li­chen Ge­gen­satz zwi­schen Bour­geoi­sie und Pro­le­ta­ri­at he­raus­zu­ar­bei­ten, da­mit die deut­schen Ar­bei­ter so­g­leich die ge­sell­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Be­din­gun­gen, wel­che die Bour­geoi­sie mit ihrer Her­r­schaft her­bei­führen muß, als eben so vie­le Waf­fen ge­gen die Bour­geoi­sie kehren kön­nen, da­mit, nach dem Sturz der reak­ti­onä­ren Klas­sen in Deut­sch­land, so­fort der Kampf ge­gen die Bour­geoi­sie selbst be­gin­nt.

Auf Deut­sch­land rich­ten die Kom­mu­nis­ten ihre Haup­tauf­merk­sam­keit, weil Deut­sch­land am Vo­ra­bend ei­ner bür­ger­li­chen Re­vo­lu­ti­on steht, und weil es die­se Um­wäl­zung un­ter fort­ge­sch­rit­te­ne­ren Be­din­gun­gen der eu­ropäi­schen Ci­vi­li­sa­ti­on über­haupt, und mit ei­nem viel wei­ter ent­wic­kel­ten Pro­le­ta­ri­at voll­bringt als En­g­land im sie­ben­ze­hn­ten und Frank­reich im acht­ze­hn­ten Jah­r­hun­dert, die deut­sche bür­ger­li­che Re­vo­lu­ti­on al­so nur das un­mit­tel­ba­re Vor­spiel ei­ner pro­le­ta­ri­schen Re­vo­lu­ti­on sein kann. Mit ei­nem Wort, die Kom­mu­nis­ten un­ter­st­üt­zen über­all je­de re­vo­lu­ti­onä­re Be­we­gung ge­gen die be­ste­hen­den ge­sell­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Zus­tän­de.

In al­len die­sen Be­we­gun­gen he­ben sie die Ei­genthums­fra­ge, wel­che mehr oder min­der ent­wic­kel­te Form sie auch an­ge­nom­men ha­ben mö­ge, als die Grund­fra­ge der Be­we­gung her­vor. Die Kom­mu­nis­ten ar­bei­ten end­lich über­all an der Ver­bin­dung und Ver­stän­di­g­ung der de­mo­kra­ti­schen Partei­en al­ler Län­der. Die Kom­mu­nis­ten ver­schmä­hen es, ihre An­sich­ten und Ab­sich­ten zu ver­heim­li­chen. Sie er­klä­ren es of­fen, daß ihre Zwec­ke nur er­reicht wer­den kön­nen durch den ge­walt­sa­men Um­sturz al­ler bis­he­ri­gen Ge­sell­schafts­ord­nung. Mö­gen die her­r­schen­den Klas­sen vor ei­ner Kom­mu­nis­ti­schen Re­vo­lu­ti­on zit­tern. Die Pro­le­ta­rier ha­ben nichts in ihr zu ver­lie­ren als ihre Ket­ten. Sie ha­ben ei­ne Welt zu ge­win­nen.

Proletarier aller Länder vereinigt Euch!